Oh Mai?

Erstellt: 09.05.2014  Lesedauer 3 - 4 Min.

„Früher“ war der Mai der Monat, in dem man merkte, dass es wärmer wird. Wonnemonat halt. Wärmer bedeutete gleichzeitig die verstärkte Abwesenheit von Regen. Der Mai 2013 war schon so ein Rekordmonat, was die ausfällende Luftfeuchtigkeit betraf.

Wenn der hundertjährige Kalender recht hätte, wäre es seit drei Tagen schön, nachts kühl, tagsüber sehr warm, es herrscht große Trockenheit. Da sieht man mal, was Langzeitprognosen wert sind. Wobei selbst die Prognose des Tages schon eine unlösbare Herausforderung darstellt. Jedenfalls sind das meine Erfahrungen der letzten Wochen. Wird eine Regenwahrscheinlichkeit: 0% angekündigt und man findet sich mehrfach am Tag in einem fetten, mindestens zehn Minuten anhaltenden Platzregen wieder, sehe ich das als Bestätigung meiner bereits schon einmal geäußerten Zweifel.

Wobei ich mich nicht über das Wetter, so wie es gerade ist, nicht beschweren will. Wenn ich in den Garten schaue, steht da alles ziemlich prächtig da. Abgesehen von der Kiwi, die leider eine kleine Frostbeule ist und aufgrund der doch recht kühlen Nächte in den vergangenen Wochen etwas die Blätter hängen lässt. Aber immerhin hat sie was dran, das sie hängen lassen kann. Das sah in den letzten Jahren eher anders aus. Eine Kiwi ist daran sogar eingegangen. Oder die Feigen. Die letzten Jahre immer abgefroren oder verdurstet. Dieses Jahr könnten es die Früchte sogar schaffen, dass sie vor dem Winter reif werden. Die Physalis hat es letztes Jahr im Freien nicht geschafft.

Allerdings spreche ich hier von Pflanzen, die nicht unbedingt zur angestammten Flora und Fauna der Region gehören. Die Tatsache, dass es eine realistische Chance auf Ernte bei ihnen gibt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass unser Wetter sich verändert. Wobei das — nüchtern betrachtet — doch nur genau das ist, was uns vermeintlich alle antreibt. Stetige Veränderung, Wachstum, Fortschritt.

Da gehören wir zur Spitzenliga der Waffenhersteller und finden es jetzt blöd, dass die in der Ukraine benutzt werden. Das ist ja fast so, als ob der Bauer will, dass seine Kartoffeln im Supermarkt verrotten! Im Gegenteil. Er will dass sie schmecken, die Leute begeistert drüber reden und nochmehr Leute seine Kartoffeln kaufen. Waffen mit öffentlichem Funktionstest verkaufen sich einfach besser. Moralisch Scheiße, wirtschaftlich gesehen aber geil. Weil Geld nicht stinkt oder blutig tropft und das alles ja ganz weit weg ist,… — man muss halt wissen, was man will. Moral zahlt keine Steuern.

Wenn wir das Freihandelsabkommen mit der USA erst mal unterschrieben haben — Entschuldigung, ich muss mich korrigieren: nicht wir, das Volk, sondern Frau Lobby-Kanzlerin und ihre Lobby-Minister — dann fängt die Diskussion zwar mit Gen-Mais oder gechlorten Hühnchen an, aber da der Amerikaner ja bestrebt ist, seine Werte in der Welt zu verbreiten, ist es nur eine Frage der Zeit, wann jeder seinen Waffengürtel offen umschnallen darf. Dann brauchen wir gar keine Taliban oder sonstigen Extremisten für die Bevölkerungsdezimierung. Das lösen wir dann direkt vor der Haustür. Üerall, wo die amerikanische Politik in den letzten Jahren eine Friedensmission angeschoben hat, haben sich jedenfalls für die Waffenhersteller nachhaltige Märkte entwickelt.

Ich habe nichts gegen die Menschen in Amerika — selbst wenn das hier regelmäßig anders klingen mag. Sie können nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Viele davon sind Nachkommen von Religionsfanatikern, die dorthin ausgewandert sind, weil sie im alten Europa mit Argwohn beäugt wurden. Was im Gegenzug nicht unbedingt ein besseres Licht auf uns, damals, wirft. Aber wer sich über die Scharia aufregt, sollte selbst keine Todeskandidaten in den Gefängnissen haben, oder Leute in exterritorialen Gefängnissen stets angemessen behandeln. Die Abwandlung des Kinderreims Was du nicht willst, dass man dir tu, füg´ es lieber andern zu trifft es aus diesem Blickwinkel ziemlich fatal. Wobei ich durchaus auf dem Radar habe, dass die Politik eines Landes bei vielen darin lebenden Menschen keine Zustimmung haben muss. Wahlmehrheiten sind eine ziemlich relative Sache. Vor allem drängt sich immer mehr die Frage auf, ob es bei den politischen Entscheidungen um das Wohl der Wähler oder das Wohl der Gewählten geht.

Wie bin ich jetzt eigentlich hierhin gekommen? Ach ja: Im Mai sind Europawahlen! Da sollte jeder hingehen, damit wir ein einigermaßen belastbares Abbild der Wählermeinung haben. Nicht die Meinung einiger Wenigen hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung. Da kann man sich dann mal die Frage stellen, was man von Parteien hält, die umweltverträgliche Energiegewinnung deckeln oder politische Entscheidungen als Lobby-Arbeit verstehen. Oder ob Dankbarkeit mit bedingungsloser Unterwürfigkeit gleichgesetzt werden darf. Ich selbst weiß ehrlicherweise noch nicht, wem ich meine Stimme gebe. Denn die Parolen der meisten Parteien sind derart austauschbar, dass es wirklich schwer ist, die tatsächlichen Absichten dahinter zu erkennen. Ein erster Check beim Wahl-O-Mat war jedenfalls außerordentlich überraschend. Wer mir bis hierhin folgen konnte: Hingehen und selbst überraschen lassen!