Recht haben, Recht bekommen und Gerechtigkeit

Erstellt: 11.06.2014  Lesedauer 2 - 3 Min.

Gerade wir Deutschen pochen gern auf unser Recht. Der Erfolg der Rechtsschutzversicherungswirtschaft legt das jedenfalls sehr nah. Was wurde da gejubelt, dass man sich das Recht auf Vergessen beim europäischen Gerichtshof gegenüber Google erstritten hat. Google ist aber nicht zufällig so groß geworden. Jetzt arbeitet der Konzern daran, ein richtig heißes Brandeisen auf diejenigen abzusenken, die den Konzern mit einem Löschantrag beschäftigen. Google will auf gelöschte Links hinweisen.

Was wie eine fiese Harke klingt ist — objektiv betrachtet — durchaus angemessen. Ohne diesen Hinweise könnte ich beliebig an meiner Außendarstellung modellieren, jede kritische Äußerung würde unkommentiert aus den Google-Archiven verschwinden. Wenn jemand sein Recht auf Löschung in Anspruch nimmt, ist es deshalb aus meiner Sicht angemessen, dass ich als Suchender darauf hingewiesen werde, dass hier jemandem etwas nicht gefallen hat. Wobei sich nicht gefallen natürlich entsprechend dehnbar interpretieren lässt. Wenn nicht dran steht, was bzw. warum etwas gelöscht wurde — logischerweise, sonst wäre es ja nicht gelöscht — kann das womöglich ein noch größeres und ungewollteres Interesse wecken, als eine Passage oder Bild, flüchtig überflogen, je erzeugt hätte. Die Eigenwahrnehmung ist bei manchen Dingen deutlich stärker, als das bei Unbeteiligten und sogar Freunden der Fall ist.

Wobei mir das Löschen grundsätzlich suspekt ist. Es gibt doch das Recht auf Gegendarstellung in den Medien. Google gehört dazu. Wenn sie etwas löschen können, bzw. die Notiz anbringen können, dass etwas gelöscht wurde, wäre es mutmaßlich ebenso möglich, eine Gegendarstellung oder den Verweis darauf anzufügen. Wobei es natürlich erheblich schlauer wäre, das dort durchzusetzen, wo es geschrieben steht. Denn Google schreibt selbst nicht, sondern findet nur.

Als Leser habe ich dann beide Positionen und kann mir ein Bild machen. Werde ich im Dunkeln gelassen, erhält die freie Interpretation einen Raum, die wohl eher gegen den Löschenden ausfällt. Denn was hat der wohl zu verbergen. Momentan lässt sich bei Google.de Gelöschtes aufstöbern, wenn die Suche bei Google.com wiederholt wird. Womit die Absurdität der Löscherei offenbar wird. Es heißt nicht ohne Grund Das Netz vergisst nicht. Außerdem gibt es noch andere Suchmaschinen (z.B. Microsofts Bing), die weiterhin munter alles zeigen dürfen. Wenn ich also einen Löschhinweis aufgrund des EuGH-Urteils finde, weiß ich, dass ich woanders um so intensiver suchen muss. Die nachhaltigere Wirkung einer Gegendarstellung (s.o.) an Ort und Stelle ist offensichtlich.

So ist man dann schnell von ganz oben ganz unten. Wie eine Münze hat auch jedes Werkzeug zwei Seiten. Ein Hammer kann nicht nur den Nagel treffen, sondern ebenso den Finger. In beiden Fällen hatte ich das Werkzeug zwar in der Hand, die Wirkung liegt jedoch maximal diametral auseinander, was meine Interessen betrifft. Wenn ich es anfangs geil finde, dass ich der Medien-Darling bin, muss ich aushalten, dass man mich mit der gleichen Energie abklatscht, wenn ich es eben nicht mehr bin. Die Annahme, dass eins davon richtig, das andere falsch sei, lässt erkennen, dass da noch einiges an Strecke auf dem Weg zur Erkenntnis absolviert werden muss.

Natürlich ist es blöd, wenn ich als angehender Topmanager hackebreit einen Selfie vom Rudelbums ins Netz stelle. Wird meine Chancen auf den ein oder anderen Job sicherlich reduzieren. Wobei es gleichermaßen die Chance sein kann, denn es hat was von wahrer Größe, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen:

Wir waren alle volljährig, wir waren hackebreit und hinterher etwas desorientiert. Aber es ist niemand zu Schaden gekommen, wir sind heute noch alle befreundet, einige jetzt miteinander verheiratet. Die Interessenlage hat sich verändert und wir machen weniger Selfies.

Wenn das als Erklärung dranstünde, würde jeder sehen, der hat was gelernt und — sehr wichtig — der steht zu seinem Handeln. Rückrat ist leider ein rares Gut geworden, da wäre soetwas sehr erfrischend. Denn Scheiße bauen ist das eine. Wie man damit umgeht, das andere und viel wichtigere. Verheimlichen wollen durch Löschen ist jedenfalls die schwächste aller möglichen Lösungen. Da finde ich es mehr als richtig, wenn Google darauf hingeweist, dass hier jemand lieber etwas verschwinden lies, statt es gerade zu rücken.