Ruf kaufen

Erstellt: 05.03.2014  Lesedauer 3 - 4 Min.

Du wolle gut Bewertung kaufe?“ Zugegeben. Das Deutsch der Mail in der morgendlichen Mailflut ist ein besseres. Der Inhalt jedoch umso fragwürdiger. Da wird mir erzählt, dass die Bewertungen über einen Kunden von mir in einem Bewertungsportal nicht nur positiv sind. Ich persönlich erwarte in einer pluralistischen Gesellschaft nichts anderes. Was dem einen gefällt, muss mir noch lange nicht gefallen. Und umgekehrt.

Negative Bewertungen sind häufig an der Ausdrucksweise und völlig überzogenen Art leicht als Dumpfbackenversuch eines Mitbewerbers, oder womöglich von wem auch immer gekauften Schlechtmachers erkennbar. Das Gegenteil, nämlich schleimtropfende Überschwenglichkeiten, gibt es ebenfalls. Hier ist der Intellekt des Lesenden gefordert. Der schrumpft aber offenbar bei der breiten Masse, wenn man sich so manche Beiträge durchliest, auf Erbsengröße. Allerdings nur dann, dass derartige Bewertungen jemand ernst nimmt. Was — zu meinem Bedauern — sehr wahrscheinlich in beängstigendem Umfang der Fall ist.

Im Fernsehen bin ich die letzten Wochen mehrfach über Berichte fragwürdiger Methoden von Bewertungsportalen gefallen. Da verschwinden — angeblich — positive Bewertungen und kurz darauf gibt es dann das Angebot für bewertungsverbessernde Anzeigen. Wie eine Anzeige das Essen eines Lokals besser macht, oder die Bedienung flinker, will sich mir als Außenstehendem dabei nicht ansatzweise erschließen. Würde ein professioneller Kochkurs oder ein „Effizient und freundlich Kellnern“-Lehrgang angeboten, sähe das anders aus. Aber was hätte das Portal davon? Bessere Bewertungen für die Kneipe. Womöglich. Wenn die aber verschwinden, drehen wir uns damit irgendwie im Kreis.

Mir kommt das so vor, als ob sich hier ein selbsterfüllendes Marktsegment entwickelt. Es erzwingt Werbemittel von Unternehmen für etwas, das sie weder bestellt haben noch wollen. Während die Mafia mit direkter körperlicher Gewalt für die Schutzgebühren in Verbindung gebracht wird, ist hier die gezielte Rufschädigung das Druckmittel. Wobei die Mafia-Strategie von Außen betrachtet intelligenter erscheint. Einer Kuh, die ich melken will, muss ich gutes Futter geben, sonst gibt sie keine Milch und das Fleisch wird zäh. Rufruinierung hat daher etwas Vernichtendes und nützt im konkreten Fall auch dem Schädiger nicht. Die darauf gründende Gewinnerzielungsabsicht der Lästermäuler unterschätzt nach meiner Auffassung darüber hinaus, dass ich einen Laden, den ich für mich als ist schlecht abgestempelt habe, selten bis nie eine zweite Chance gebe. Die besseren Bewertungen werden mich daher kaum erreichen. Für den Geschäftsmann also so oder so rausgeschmissenes Geld.

Im Privatfernsehen wurde dazu ein nahezu revolutionärer Rat erteilt: Selbst hingehen und probieren. Ich setze da noch eins drauf: Oder Leute fragen, die man persönlich kennt. Also schlicht die Mittel und Methoden einsetzen, wie man das vor dem Internet gemacht hat. Oder einfach anhand der objektiv angebotenen Daten eine eigene Entscheidung fällen und sich nicht unbekannten Möchtegern-Experten anvertrauen. 14 Tage Traumurlaub im Fünf-Sterne-Karibik-Strandhotel für 199 € mit Vollpension sollten einen gesunden Verstand wachrütteln. Selbst wenn drunter steht: Ich wollte es nicht glauben habe es aber aus Neugier versucht. Was soll ich sagen? TRAUMHAFT. Welcher normale Mensch riskiert 14 versaute Urlaubstage aus Neugier? Die einzige Wahrheit dieses Beispiels wäre traumhaft. Ein solider Alkohol- oder sonstiger Drogenrausch vorausgesetzt.

Warum so viele Menschen glauben, dass andere Menschen, die man noch nie gesehen hat und wahrscheinlich niemals sehen wird, glaubwürdiger seien als das persönliche Umfeld, ist ein Mysterium für mich. Die Tatsache, dass der Nachbar, dem man etwas um keinen Preis der Welt persönlich erzählen würde, das jetzt bei Facebook oder sonstwo mit aller Zeit der Welt in erschreckend unreflektierten Kommentaren von persönlichen Beiträgen nachlesen kann, ist den Schreibenden offenbar nicht klar. Es lesen halt nicht nur Freunde mit. Und wer persönlich unbekannterweise im Internet oder per Mail einen überschwänglichen Rat gibt — sowohl im Bösen als auch im Guten — der ist (zumindest mir) erst mal suspekt.

Wenn ich davon ausgehe, dass der Mensch tendenziell Freude eher nur mit dem engeren Umfeld teilt, aber Ärger gern lautstark Luft macht, sollten statistisch gesehen unterdurchschnittlich bewertete Anbieter die interessantesten sein. Zumindest, was die Ehrlichkeit und Wahrscheinlichkeit der Kommentare betrifft. Alternativ könnte man ebenso sehr gute wie sehr schlechte Bewertungen einfach raussortieren bzw. ingnorieren. So oder so läuft es auf das bereits gesagte hinaus: Das eigene Hirn benutzen bewahrt zwar nicht automatisch vor aller Unbill, aber schädlich ist es nicht. Mit ein bisschen Training entwickeln sich dann die für die eigenen Anforderungen relevanten Filter beim Lesen von Bewertungen.

Ich selbst lese Bewertungen übrigens eher selten bis nie. Ich schau mir die Internet-Seite des Anbieters an, wie er sich selbst sieht. Und dann schau ich von oben mit Google-Maps. Wenn jemand von idyllischem Ambiente spricht, aber Google mir verrät, dass links die Deponie und rechts der Flughafen ist, hilft mir das bei der Entscheidung signifikant besser, als jede noch so ausführliche Bewertung.