Seuchenschleuder

Erstellt: 13.02.2014  Lesedauer 1 - 2 Min.

Ein Blick auf meinen Schreibtisch und den daneben stehenden Papierkorb führt mir vor Augen, weshalb eine gelegentliche Bahn- oder Busfahrt im Winter zu den eher unvernünftigen Unternehmungen gehört. Regelmäßige Pendler trifft es wahrscheinlich seltener, denn die sind konditioniert und daher weniger anfällig. Ich jedenfalls umgebe mich gerade mit zwei Bergen aus Papiertaschentüchern. Der auf dem Schreibtisch ist der Vorrat, der im Papierkorb entsteht aus den gebrauchten. Der erste nimmt rapide ab, der zweite rapide zu.

Ohne Beweismöglichkeit verdächtige ich die Klimaanlage der Bahn. Die kämpft zwar mit der Definition von Klima, denn auch gefühlt zu kalt bzw. zu warm sind objektiv betrachtet ein Klima. Halt nicht das passende für eine Reise. In einem gewissen Toleranz-Rahmen sehe ich ein, dass bei dieser Aussage fraglos persönliche Vorlieben eine nachhaltige Beeinflussung der Wahrnehmung bedeuten. Was ich jedoch weder fühlen, riechen oder schmecken kann, sind die ungebetenen Reisenden, die über die Klimaanlage ihren Kreuzzug gegen die gesunde Menschheit antreten.

Wenn im Abteil vorn jemand hustet, gehe ich davon aus, dass die dabei in Jet-Geschwindigkeit heraus katapultierten, mikroskopisch kleinen Gründe dafür, schon wenige Minuten später bei mir vorbeischauen. Ein Hoch auf energiebewusste kühlende oder wärmende Luftumwälzung. Speziell letztere ist ein sehr effektives Transportmittel für die Ziele unserer kleinen fiesen Feinde. Die dadruch angetrockneten Nasenschleimhäute bieten den perfekten Nistplatz für die heimlichen Lieblinge der Papiertaschentücher-Industrie.

Die guten, meist hoffnungslos überhitzten oder sibirisch kalten passiven Heizkörper der Bahnwaggons aus meiner Kindheit waren diesbezüglich wenigstens eine kleine Behinderung der viral-bakteriellen Sippschaft. Vor allem konnte man dort seine am Bahnhof fast abgefrorenen Füße drauf stellen und das Tauwasser hat die Luft befeuchtet, was wieder gut für die Nasenschleimhäute war. Je nach Befüllungszustand des Wagens konnte das zwar in tropische Luftfeuchtigkeit umschlagen — nicht unbedingt besser — aber durch geschicktes Öffnen und Schließen der Fenster (ja, man konnte früher die Fenster auf machen!) war das durch die Zwangsgemeinschaft in mal mehr, mal weniger demokratischer Weise, beeinflussbar.

Heute regelt irgendwo im Zug ein vermutlich kleiner, einsamer, hutzeliger Zwerg die Temperaturen so, dass es entweder diesen kleinen Tuck zu warm oder zu kalt ist. Halt gerade so auf keine Wohlfühl-Temperatur. Die Umluftschlitze der Heizung sind so hochgezogen, dass man da nur mit artistischen Verrenkungen vom Sitzplatz mit den Füßen dran käme, drauf geht gar nicht und zu schmal dafür ist das Gitter ebenfalls. Dafür ist es näher an der Nase der dort Sitzenden. Mich würde brennend interessieren, ob die Bahn Aktien von Papierfabriken hält, die sich auf die Herstellung von Papiertaschentüchern spezialisiert haben. Die Züge der Bahn wären ein mächtiges Kontroll-Instrument für die Umsatz- und Produktionssteuerung.