Wie doof ist das

Erstellt: 29.11.2014  Lesedauer 4 - 5 Min.

Die Zeit hat diese Woche einen Artikel ver­öf­fent­licht, dass wir nach­lässiger werden, weil wir auf Computer vertrauen. Ob uns das, wie dort reißerisch in den Titel hinein­for­muliert, verdummen lässt, würde ich so pauschal nicht sagen.

Es ist allerdings außer­or­dentlich bequem, wenn so ein kleines Maschinchen mich zum Auto zurücklotst, dass ich in einer mir unbekannten Stadt abgestellt habe. Blöd halt, wenn der Akku vom Telefon dann genauso leer ist, wie die Erinnerung daran, wo die blöde Karre steht. Sollte sich ja mein kleiner Freund merken.

Spätestens, wenn ich es nur noch per Navi zum Netto um die Ecke schaffe, sollte ich mich allerdings fragen, ob es die Evolution wirklich gewollt haben kann, dass wir uns am Ende nur noch von Maschinen zeigen lassen, wo es lang geht.

Wie der oben genannten Artikel aus­for­muliert, war die „Entfähigung“ von au­to­matisierten Menschen bereits 1966 bekannt. Wenn ich mir das über­wiegende Fern­seh­programm ansehe, muss Denken Schmerzen ver­ur­sach­en, was eine ent­sprech­ende aktive Be­reit­schaft zur „Entfähigung“ schafft.

Gestern stand eine Dame in der Drogerie vor einer Auswahl Lip­pen­bal­sam­stiften. Unfähig für eine eigene Ent­schei­dung te­le­fo­nierte sie lieber mi­nu­ten­lang — mit wem auch immer — um über die Verpackung und deren Farbe (!) zu diskutieren, wenn doch der Inhalt meiner Meinung eigentlich viel in­ter­es­santer ist. Mein Ein­kaufs­wagen war mit den vorher (!) über­leg­ten Pro­duk­ten bestückt und vor dem Kassen­band, da hatte die Ärmste noch immer keinen Lippenstift ausgewählt.

Früher hätte man halt einen mitgebracht und wenn es der nicht ist, hätte man mit dann holst du dir den das nächste Mal selbst pariert. So einfach war das mal. Heute wird dank Flatrate lieber eine Vier­tel­stunde telefoniert und am Ende wahr­schein­lich trotzdem der falsche Lippenstift mitgebracht.

Wenn der Stift wirklich so über­le­bens­wichtig ist, hätte ich einfach das Regal fo­to­gra­fiert und das Bild geschickt. „Der oben links in blau“ als Antwort und ich wäre fertig gewesen. Wenn schon Werkzeug, dann muss man wissen, wie es sinnvoll und richtig bedient wird. Natürlich kann man mit einem Schrau­ben­zieher einen Nagel in die Wand hauen. Dauert halt länger und hat weitere potentielle Ne­ben­effekte, um die es hier aber nicht geht.

Das mit dem Denken überkam ich vorgestern un­ver­mittelt auf der Autobahn. Ganz ohne Computer und Maschine. Da begrüßte mich in der Mor­gen­däm­merung auf der Autobahn ein Schild mit „11 km Baustelle“ und „Tempo 60“. Das ist momentan ein durchaus gängiger Zustand auf deutschen Autobahnen. Kein Grund für Aufregung. Hätte keinen Einfluss auf die Baustelle, allenfalls auf mein Durchkommen dort.

Was mit dem zweiten Schild, ein paar Meter weiter, genauer definiert wird. Zu­sam­men­genommen bedeuten die:

Links sind 2,1 Meter breit Platz. Dort darf alles, was groß, breit und manchmal ziemlich wackelig unterwegs ist, überholt werden. Die kleinen, wie ich einer bin, darf ich nicht überholen. Und alles mit höchstens Tempo 60 für die nächsten 11 km.

In der Realität sieht das dann so aus, dass ein meist stärker mo­to­risierter „ich bin größer als ich aussehe“ mutig an „den Kleinen“ vor­bei­prescht, weil die rücken brav rechts ran. „Der Dicke“, ein paar Kleine weiter, kann aber nicht rücken. Der fährt schon halb im an­gren­zenden Acker. Jetzt merkt Mr. Schnell (es sind praktisch immer Kerle), dass er keinerlei technischen Support hat, mit dem er die 2,1m Breite meistern kann, ebensowenig beeindruckt er den Truck vor sich.

Jedenfalls macht der keine Anstalten, mal eben die Leitplanke rechts nie­der­zuwalzen, damit mehr Platz für Herrn Eilig ist. Also bleibt der ver­bo­ten­er­weise neben einem Kleinen, was er objektiv betrachtet per Definition der StVO selbst ebenfalls ist, in Lauer­stellung. Wie die Katze vor dem Mauseloch. Hoffend, dass irgendwo auf den nächsten 10 km doch ein paar Meter lang ein bisschen mehr als 2,1 m Breite links verfügbar sind. Mit den für seine real ex­is­tierende Fahr­zeug­kon­trolle er­for­der­lichen Zu­satz­ab­ständen. Damit er mit seinen Fähigkeiten durchpasst.

Hinter dem LKW hat sich zwi­schen­zeitlich meist eine sehr großzügige Lücke aufgetan, die dann prompt von Herrn Schweißnass gefüllt wird. Das sind die Augenblicke, in denen ich dem Schöpfer für die Gabe des guten Augenmaßes danke. Blinker links, rausziehen, durchziehen, vor­bei­ziehen, Blinker rechts, davorsetzen. Vor Herrn Eilig-Schweißnass natürlich.

Es sei denn, es zeichnen sich bereits weitere Dickschiffe ab. Die werden kurz auf stabile Fahrweise taxiert. Wenn das passt, passe ich auch. Links ohne lang ansetzen daran vorbei. Nicht hastig, wie vorher Schweiß­nässchen, sondern im Rahmen der Vorgaben. Also mit maximal 65 km auf dem Tacho.

Der so Düpierte hat zwar nach dem Über­hol­vorgang bereits den Blinker draußen und will sich dahinter setzen. Während ich jedoch gemütlich durchfahre, hängt er dem LKW links neben der Stange und grübelt. Die meisten scheren dann wieder rechts ein. Es sei denn, ein anderer Spaßvogel hat sich mit­tler­weile direkt hinter den LKW gesetzt, steht also rechts neben dem Grobmotoriker.

Da derartige Über­hol­manöver betrachtet auf die Gesamtzeit einer Tour allenfalls ein paar Sekunden bringen, lass ich es mit­tler­weile und genieße die meditativen Mög­lich­keiten, die sinnfreie Ver­kehrs­schilder-Kom­bi­na­tionen schaffen. Hin und wieder un­ter­brochen vom Spass, den sportliche Mei­ster­fahrer (bei drei­spu­rigem Nor­mal­verkehr) in diesen Aus­nah­me­si­tu­ationen bringen.

Das sind meist auch die Fahrer, die einen mit aggressiv auf­leuch­ten­dem Christbaum von der linken Spur fegen (möchten), um dann ein paar Kilometer weiter erst mal einen Moment Luft holen müssen, bis der Puls nicht mehr so hart an die Schläfen schlägt. Während ich gepflegt mit Tempomat-gestützt ein­ge­hal­tener Rei­se­ge­schwin­digkeit wieder an ihnen vorbei ziehe.

Deshalb bin ich der Meinung, dass wir nicht dümmer durch Computer werden. Man muss sie halt mit Köpfchen benutzen. Das hat jeder selbst in der Hand. Oder in der Birne. Wobei ein Computer kaum hilft, wenn da nichts drin ist.