Ingenieurskunst

Erstellt: 09.11.2015  Lesedauer 2 - 3 Min.

Aus Angst schummeln. Das ist sehr menschlich. Ob damit wirklich ein in der Dimension groß angelegter Betrug entschuldigt werden kann?

VW hat sich gern als „die Innovatoren“ bei der Motoren-Entwicklung dargestellt. Dass hat ein Herr Winterkorn gern und vehement in seinen Aussagen immer wieder unterstrichen. Wir wissen, wie es geht. Das ganze entpuppt sich jetzt als Schummel-Parade, bei der alle Beteiligten keine gute Figur machen.

Schummeln aus Angst?

Es mag ja sein, dass die Jungs im Labor kreative Problemlösungen entwickelt haben, damit die Zahlen schön aussehen. Ich frage mich jedoch, wovor ich mehr Angst hätte. Dem Chef sagen:

Also das mit den 30% CO2 weniger — da haste die Backen etwas zu dick gemacht.

oder einen derben Betrug anschieben und hoffen dass es bis zur Rente keiner merkt. Dass es da keine weiteren Kontroll-Mechanismen gegeben haben soll und offenbar jeder wusste, dass beim Kraftfahrt-Bundesamt keine Sau wirklich kontrolliert hat, lässt sich zwar durchaus nachvollziehen. Allerdings ist das schon ziemlich hoch gepockert und zeugt von einer großen Unternehmens-Arroganz. Denn hier fehlt es erkennbar ein Eigenreflexion.

Dem deutschen Igenieur ist nichts zu schwer, zur Not wird er halt Manipulateur?

Als Motoren-Entwickler können die Mitarbeiter sicher rechnen, was da an wirtschaftlichen Forderungen um die Ecke kommen kann, wenn man derart bescheisst. Auch auf einen persönlich. Was nützt es mir, dass ich meinen Arbeitsplatz behalten darf, aber jeder weiß: Guck, das ist der Arsch, wegen dem hier alles den Bach runter geht! Unehrenhaft rausgeschmissen werden dürfte weniger weh tun. Hütte verkaufen, aus der Region wegziehen. Im Schützenverein oder wo man halt sonst so sozial eingebunden ist, dürfte ein frostiger Wind wehen. Dort sind nämlich auch die aktiv, deren Zeitverträge nicht mehr verlängert werden. Oder die Sorge um den Hauskredit die Regeln des Anstands in Frage stellt.

Allerdings bin ich nicht überzeugt. Natürlich sind die großen Dinge immer ganz einfach. Dass ein Weltkonzern von ein paar Ingenieuren aus Angst vorm größmäuligen Chef mal eben an die Absturz-Kante geführt werden kann, sieht mir eher nach Schadensbegrenzung aus. Denn da sind zu viele im Spiel, die sich durch VW — zumindest vordergründig — nicht kontrollieren lassen:

  • „Das Kraftfahrzeug-Bundesamt prüft nur auf dem Papier.“ Wenn das so ist, brauchen wir die Kontrolle nicht, weil es keine ist. Was aber, wenn dann doch mal,… ?
  • Die „Motor-Presse“. Was ist denn mit den schonunglosen Tests, denen die Fahrzeuge angeblich unterworfen werden? Hat da niemand mal gemessen, wie viel Sprit da wirklich durch geht? Oder mal selbst gemessen, was da so rausgeht?
  • Beim Export haben die Kollegen in den anderen Ländern — speziell den USA — keinen Check durchgeführt, ob es auch wirklich passt?

Nur ein paar Fragen. Hier haben nicht nur ein paar Leute ein bisschen geschummelt. Da haben eine ganze Menge Leute mindestens aktiv weggeschaut. Vor allem gibt es jetzt ein neues Problem:

Wenn die Schummel-Ingenieure den Job behalten bleiben die Ziele demnach weiterhin unerreichbar, die Konkurrenz läuft VW davon. Wenn sie es dann doch hinbekommen, bricht das gesamte Erklärungsgebilde zusammen. Dann könnte man zwar erklären, dass die dann doch nicht den Job behalten haben — aber dann hätte der Konzern gelogen, die Angst wäre berechtigt gewesen. Womöglich hat man sich mit dieser Nummer jetzt erst so richtig reingeritten.

Bleibt als letzte Frage, warum „andere“ z.B. das mit den Abgaswerten — offenbar ohne schummeln — hinbekommen. Vielleicht mit weniger Tamtam und anders, aber sie packen es.