Gegen die Einsamkeit der Masse

Erstellt: 05.10.2016  Lesedauer 1 - 2 Min.

Noch nie haben so viele Menschen die Erde bevölkert wie jetzt. Bemerkenswert, dass trotzdem augenscheinlich die Einsamkeit zunimmt.

Toyota hat Kirobo präsentiert, mit dem sich die Zeit mit sich selbst besser aushalten lassen soll. Wobei der Ansatz für mich noch nicht ganz klar ist. Das Teil soll mir beim Autofahren Gesellschaft leisten?

Speziell beim Autofahren fühle ich mich selten allein. Mir sind da regelmäßig zu viele. Speziell die vor mir rauben mir regelmäßig den Nerv. Da brauche ich keine Mini-Quäcke auf dem Beifahrersitz, der mir blöd kommt. Dafür soll ich dann auch noch ein Abo abschließen. Soll das verhindern, dass ich ihn zum ausstellen durch die offene Scheibe raushaue?

Es ist augenfällig, dass wir trotz unserer schieren Masse offenbar immer weniger damit klar kommen, wenn wir mal mit uns alleine sind. Wenn dann mal mehrere beieinander sitzen, beschäftigen sie sich mit dem Mobiltelefon — alleine. Oder sitzen alleine vor der App, die den passenden Partner finden soll. Einfach mal den Blick vom Display nehmen und den Mitmenschen in die Augen schauen, klappt nicht mehr. Weil man nur auf nach vorn Gebeugte schaut, die genau das nicht machen. Jetzt soll uns eine Plaste-Puppe helfen, wieder miteinander lustiger zu sein? Wer kümmert sich dann um die Heerschar Katzen aus den gleichnamigen Videos?

Das Teil erinnert mich stark an die in den 1990ern ziemlich boomigen Tamagotchis. Die haben eigentlich nur genervt, weil sie „gefüttert“ und „gehegt“ werden mussten. Sonst konnten sie schon mal sterben. Da ist der Kirobo die kaufmännisch intelligente Weiterentwicklung. Das mit dem Sterben wendet ein Abo ab und ich muss mich nicht kümmern. „Es“ kümmert sich um mich.

Bis der erste sich den Hals bricht, weil sein Kirobo bei einer etwas schärferen Bremsung in den Fußraum gekugelt ist. Dort krakelt „es“ rum, bis man sich — ist ja gerade alles frei — rüberbeugt, um den Nerv-Zwerg hochzuheben. Dann gibt´s die große Rückrufaktion, weil das blöde Teil nicht davor gewarnt hat, dass genau das unterlassen werden muss. Ein Fest für die Versicherungswirtschaft.

Für mich wäre das Teil allenfalls interessant, wenn ich es zum Kaffee-Holen schicken könnte. Oder — als Beifahrer — auf die Autobahn-Ausfahrt oder den Stau hinweist. Oder die Wasserflasche aufdreht bzw. mal ein paar Pfefferminz rüber reicht. Ansonsten reicht mir eigentlich die Playlist im Telefon. Und der Depp vor mir, der glaubt, weil er 103 km/h als Obergrenze für die linke Autobahnspur für sich definiert hat, gilt das für alle. Da brauch ich dann keinen, der mich von der Seite dumm anlabert. Da bin ich mir dann voll und ganz selbst genug.