Opfer Radfahrer

Erstellt: 08.06.2016  Lesedauer 2 - 3 Min.

Im RBB melden sie gerade, dass schon wieder ein Radfahrerin von einem LKW überfahren wurde. Schwer verletzt läge sie im Krankenhaus. Klingt nach klarer Sachlage.

Ich frage mich spontan, was wohl in einem Radfahrer vorgeht — genauer: nicht vorgeht — wenn er neben einem LKW an der Ampel stehend einfach los prescht. Mag ja sein, dass er eine grüne Ampel, also das Recht auf seiner Seite hat. Wenn der LKW-Fahrer den Radler im toten Winkel hat, schützt dieses Recht allerdings nicht vor schweren Verletzungen oder Tod.

Natürlich ist der böse LKW schuld. Der hat ja nicht ordentlich hingesehen. So klingen jedenfalls die Meldungen. Ich sehe das etwas differenzierter. Wer schon mal in einem solchen Teil gesessen hat, kennt das Problem. Sehr hoch, sehr unübersichtlich.

Jedesmal um die Kiste rumlaufen vor dem abbiegen, ob da irgendwo ein Radfahrer oder Fußgänger im toten Winkel steht? Dann wird wahrscheinlich der LKW-Fahrer von anderen, ungeduldigen Verkehrsteilnehmern auf die Hörner genommen.

Ich persönlich achte immer auf den Blinker des Fahrzeugs, neben dem ich stehe. Die sind speziell an der Ampel in der Stadt meistens gut sichtbar. Wenn der rhythmisch dunkel und hell wird, versichere ich mich erst mal vor dem losfahren, dass der andere mir mein Recht der grünen Ampel zugesteht. Andernfalls bin ich lieber der Klügere und geben im Zweifelsfall nach. Der Grabsteinspruch „Er hatte die Vorfahrt“ ist für die Übrig-Gebliebenen wenig Trost.

Das läuft bei mir unter Eigenverantwortung und Umsicht bei der Verkehrsteilnahme. Letzteres ist der einleitende Paragraph der StVO. So gesehen muss sich ein plattgefahrener Radfahrer oder Fußgänger aus meiner Sicht in vielen Fällen die Frage gefallen lassen, ob er aufgepasst hat. Wer selbst nicht aufpasst, sollte sich etwas zurück halten, wenn andere einfach das gleiche machen. Dann gewinnt vorhersehbar der Robustere von beiden.

Spätestens wenn der angefahrene Fußgänger noch die SMS fertigtippt, oder dem Radfahrer die Hörer vom I-Phone aus den Ohren gezogen werden müssen, damit er angesprochen werden kann, würde ich die Frage nach der Eigensicherung stellen. Denn sogar ein nicht blinkender Blinker weckt mein Interesse. Könnte ja kaputt sein. Ich lege die „gegenseitige Rücksicht“ in §1(1) für mich als „defensives Verhalten“ aus.

Es gibt nur eine Situation, bei der ich die in Nano-Sekunden über Bord werfe. Wenn irgendwelche Rechthabenwoller rumpöbeln, sie hätten Vorfahrt, oder was weiß ich. Recht haben ist kein Faustrecht. Solche Rüpel haben erfahrungsgemäß ein sehr eingeschränktes Schuldbewusstsein. Mit 70 durch die Innenstadt rasen, aber die Rentnerin anprollen sie hätte rot, weil die nach dem Phasenwechsel noch mit dem Rolator an der Bordscheinkante kämpft.

Da greift dann §1(2). Die Dame anzupöbeln ist vermeidbar und deshalb eine Belästigung. Zusätzlich zum Verkehrsverstoß. Gegen solche Dödel sind allerdings selbst umsichtigste aber schwächere Verkehrsteilnehmer machtlos. Das ist dann die leider regelmäßige Ausnahme.