Protest statt Frust

Erstellt: 14.03.2016  Lesedauer 2 - 3 Min.

Die Bürger verstehen, dass „wählen gehen“ eine seltene Gelegenheit ist, „denen da oben“ die Meinung zu sagen. Das haben Sie jetzt getan.

Es war vorhersehbar. Die AfD hat mit klaren Ansagen ordentlich Stimmen gesammelt. Das ist auch bei Menschen gelungen, die keine rechten Dumpfbacken sind. Das sind Menschen, die von der Dumpfbackigkeit der aktuellen Politik die Nase voll haben und die rote Karte gezogen haben.

Was in der allgemeinen medialen Darstellung als Ausländerfeindlichkeit zusammengefasst wird, lässt sich gleichermaßen als Geste des Zorns verstehen, die jeder kennt, der sich schon mal auf jemanden verlassen hat und dann allein gelassen wurde. Denn genau das macht die etablierte Politik mit einem großen Teil der Bevölkerung: sie wird allein gelassen.

Während nach der Wende die Wahlbeteiligung stetig abnahm, weil niemand da war, der den Frustrierten eine Stimme gab, gelingt das der AfD. Sie besetzt die Emotionen der Wähler und lockt sie wieder an die Wahl-Urne. Dass in weiten Teilen hinter den AfD-Zielen völlig andere Gedanken stehen als hinter denen der Wähler, ist letzteren durchaus klar. Da „ignorieren“ jedoch bei „den Etablierten“ keine Schmerzen verursacht, weil unser Wahlsystem abnehmendes Wählerinteresse bei der Sitzverteilung kompensiert, ist ein neuer Mitspieler im Parlament ein Ärgernis.

Bequem durchregieren klappt so nicht mehr. Jetzt muss man sich doch tatsächlich mit den Gedanken und Problemen derer auseinander setzen, die man bisher nicht mit dem Hintern angesehen hat. Deren Stimmenthaltung war Zustimmung genug. Eine krasse Fehlinterpretation.

Die Sprüche von Vertretern der Volksparteien am Wahlabend haben mir körperliche Schmerzen verursacht. Daher habe ich nach einigen Anläufen des Zuhören wollen aufgeben. Was wäre wohl passiert, wenn die in Wahrheit stärkste Partei doch mal Zettelchen in die Wahl-Urnen werfen würde? Ich denke, dort wären wenige bis keine Kreuze für die drauf, die sich hinstellen und von sich behaupten, sie hätten doch eigentlich einen ordentlichen Job gemacht.

Wer jetzt sagt, die AfD spalte die Republik, übersieht ein wesentliches Detail: es ist eine gespaltene Republik nötig, damit eine AfD solche Zustimmung finden kann. Wenn die als „Volkspartei“ titulierte SPD in zwei Bundesländern von der AfD locker überholt wird, klingt das nach ignoranter Selbstwahrnehmung oder Darstellung. Denn rein zahlenmäßig ist eine AfD das dann viel eher als eine SPD, FDP oder mit einer Ausnahme Grüne.

Die „Etablierten“ verfallen in die selben Mechanismen, die schon bei den Grünen und der Linken nicht funktioniert haben. „Mit denen nicht“ ist so ziemlich das Dümmste, was einem dazu einfallen kann. Denn damit signalisiert man deren Wählern, dass man sie jetzt erst recht ignoriert. Wohin Ignoranz führt, dürfte doch nun klar sein, oder? Ich glaube, dass dieses Argument von einer ganz simplen Sorge getrieben ist: die könnten uns statt wir sie am Nasenring durchs Parlament ziehen. Was sie im Grunde mit diesem Wahlergebnis bereits tun.

Denn fatalerweise hat die AfD einige Themen, mit denen sie überwiegend bei bisherigen Nichtwählern punkten konnte. Sie spricht Emotionen, Ängste und Sorgen an. Nicht „wir schaffen das“ sondern „wir müssen was tun“ hat gepunktet. Die arrogante Annahme, dass sich die AfD in den Parlamenten entzaubern würde, lässt sich mit einem Blick in die Historie kontern: das hat die damalige Politiker-Kaste und Presse sowohl zu den Grünen als auch zu den Linken gesagt. In einem Jahr, in dem Grüne in BW die stärkste Fraktion und den Landesvater stellen, ist das anachronistisch.

Im Augenblick sieht es für mich eher so aus: CDU und SPD sind „entzaubert“. Nur haben sie das noch nicht kapiert.