Richtig und Falsch

Erstellt: 31.10.2016  Lesedauer 1 - 2 Min.

Im täglichen Umgang gibt es sehr oft die Generalisierung zwischen „richtig“ oder „falsch“. Weil es bequem ist.

So halten viele Menschen die Todesstrafe für falsch. Es gibt sie trotzdem. Bei wichtigen Partnern wird es toleriert, bei vermeintlich Unwichtigeren nicht. Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem dieser Kategorisierung. Sie basieren auf Meinung, Erfahrung, Kulturkreis, Sozialisation und Lebensumständen. Und den sogenannten „Sachzwängen“. Also einer Menge Parameter, die das Ergebnis alles andere als vorhersehbar machen. Nur so lässt sich erklären, dass bei „Volksparteien“ mit einem „C“ so divergierende Meinungen zu Flüchtlingen koexistieren. Wobei das „C“ für „christlich“ doch einen vermeintlich zweifelsfreien Wertekodex vorgibt.

Sich verändernde Lebensumstände offenbaren, wie labil die Kategorisierung ist. Wenn beispielsweise ein bisher Überzeugter „wir schaffen das“-Anhänger das Flüchtlingsheim aushalten muss, dass die Stadt ihm vor die Nase setzt. Es setzen Urängste ein, die den Verstand übertönen. Dazu kommen neue Erfahrungswerte, die auf das eigene Wertesystem einwirken. Da können sich bisher als dumpfes Geprolle wahrgenommene AfD-Parolen zu einem fröhlichen Lied wandeln.

Von Andersdenkenden wird das dann zwecks besserer Griffigkeit mit schlichtem Schwarz-Weiß ausgestattet. Steht schon so in der Bibel (Matthaeus 12:30), kann also nicht falsch sein. Die Zwischentöne werden ausgeblendet. Insbesondere wenn man sich im Recht wähnt und die stärkere Position hat. Toleranz der Todesstrafe in den USA entspricht im Kleinen dem „Der Chef hat immer Recht“.

Da wird Artikel 3(1) des Grundgesetzes den Lebensumständen angepasst. Das muss nicht gleich extrem werden. Allerdings reicht es schon, wenn der konstruktive Dialog aufgrund der eigenen „Richtig“-Definition verweigert wird. In meiner Erfahrungswelt kann „richtig“ in verschiedenen Ausprägungen innerhalb für mich unantastbarer Grenzen friedlich nebeneinander stattfinden. Ich kann „wir schaffen das“ problemlos mit „Obergrenze“ kombinieren. Es bedarf lediglich einer genaueren Definition der Positionen. Dann lassen sich häufig Schnittmengen finden, die „mehrere richtig“ ebenso wie „mehrere falsch“ zulassen.

Ein gegenseitig gewollter und unvoreingenommener Dialog scheitert allerdings bedauerlich oft — im Großen wie im Kleinen — am „gleichberechtigt“. Oder „weil man´s kann“, sprich: Machtausübung. So wie Politiker nicht aufs Volk achten und sich dann über eine AfD wundern, achten Vorgesetzte häufig nicht auf die Mitarbeiter. Die gehen lediglich — genauso wie viele AfD-Wähler — nicht auf die Straße, sondern entweder wo anders hin oder kurbeln vor dem inneren Auge den Mittelfinger hoch. Was in der Folge fatale Wirkung entfalten kann. Die näher dran mögen vielleicht nicht das große Ganze im Blick haben. Es ist jedoch regelmäßig eine kluge Entscheidung, etwas Großes in kleineren Einheiten abzuarbeiten. Wer es dann noch schafft, unterschiedliche Themen voneinander zu trennen und Vorurteile bestmöglich auszublenden, hat sehr gute Chancen auf ein gemeinsam getragenes „Richtig“.

Alles was dafür gebraucht wird ist „wollen“.