Unterdrückt ein Schleier die Frau dahinter?

Erstellt: 26.08.2016  Lesedauer 2 - 3 Min.

Frankreich oberstes Gericht hat das „Burkini“-Verbot gekippt. Das finde ich richtig.

Bemerkenswerterweise wird in der hiesigen Berichterstattung immer argumentiert, ein Schleier unterdrücke die Frau dahinter. Ich bin zwar kein Fan von Schleier und Co. Ich sehe das allerdings etwas differenzierter. So Scheiße für uns Abendländer eine Frau in einer Burka aussieht, muss ich einräumen: das hat was Gutes. Denn sie kann jung sein, sie kann alt sein, sie kann — was im Auge des Betrachters liegt — hässlich oder hübsch sein: alles egal. Maximale Gleichmacherei. Schutz vor Nachpfeifen oder Nachbuhen. Wer will sich schon versehentlich bei der eigenen Verwandschaft zum Idioten machen?

Womöglich ist das eines der Angelpunkte in unserer westlichen Kultur. Wir Kerle haben Probleme damit, wenn wir nicht taxieren können. Einem Menschen nicht in die Augen sehen können, ist fraglos grundsätzlich irritierend. Das Gesicht ist eine wichtige Anlaufstelle in der Kommunikation. Ein „Burkini“ lässt das Gesicht — zumindest bei den von mir bisher gesehen Modellen — frei. Er blockiert allenfalls nachhaltig den „Fleischbeschau“.

Was — mit Verlaub — bei so manchem aufgenötigtem Anblick in knappen Stoff-Fetzen durchaus eine Wohltat sein könnte. Unter diesem Gesichtspunkt kann ein „Burkini“ eine proaktive Rücksichtnahme für die Mitmenschen sein. Oder Menschen mit Sonnen-Allergie ihr Schicksal erträglicher machen. Oder einfach den Notgeilen mit Spiegelbrille den Spaß verderben. Wobei sich hier die Frage stellt, wer da mehr versteckt.

Jedenfalls finde ich „zwangsweise Fleisch zeigen müssen“ in keiner Weise weniger unterdrückend. Ganz im Gegenteil, das baut bei vielen Frauen gehörig Druck auf. Davon lebt eine komplette Zeitschriften- und Diät-Industrie. Diesen „Schönheitszwang“ kann Ganzkörper-Badebekleidung nehmen. Das nimmt eine betroffene Frau dann mutmaßlich mehr als Befreiung denn Unterdrückung war.

Wenn eine Frau kein „Objekt“ sein will, darf sie sich bedecken. Darin sehe ich grundsätzlich nichts Verwerfliches oder Unterdrückendes. Ich glaube mich sogar an eine entsprechende Diskussion aus er Schulzeit im Religionsunterricht zu erinnern. Da war genau das ein durchaus gut gelittener Aspekt bei der Auseinandersetzung mit dem Islam. Der Schutz der Frau vor lendengesteuerten Männern. Der heißblütige Araber wird damit jedenfalls womöglich vom Glaubensführer in weiser Voraussicht in geordnetere Bahnen gelenkt. Völlig überforderte Flüchtlinge in der Kölner Silvesternacht haben das bestürzend deutlich gemacht.

Natürlich müssen sich diese „Herren“ an unsere Regeln halten. Bei uns dürfen Frauen stolz auf ihren Körper sein und das zeigen. Das darf aber kein Zwang zum „zeigen müssen“ sein. Dann gehören auch lange, weite Pullover, zu große T-Shirts, Bermuda-Shorts und maches mehr auf die Liste der auszurottenden Bekleidung. Ich glaube jedoch, dass ein Verbot von Kleidungsstücken wahrscheinlich mehr unterdrückt, weil dann beispielsweise aufgrund des gelebten Glaubens — was jedem zusteht, solang er damit keinem schadet — der Strand tabu wäre. Ebenso für Sonnenallergiker, oder Menschen, die das geforderte Schönheitsideal nicht erfüllen (wollen), aber keine Lust auf tadelnde Blicke haben.

Ausgerechnet mit dem Ansatz, dass eine Frau einen „Burkini“ anziehen darf, kann eine Gesellschaft ihre Toleranz zeigen. Also das, was von allen, die dazu kommen (wollen) oder von uns in anderen Kulturen gefordert wird. Es ist jedenfalls belastbarer und glaubwürdiger, wenn man´s selbst lebt.