Wenn Schule Schule macht

Erstellt: 19.02.2016  Lesedauer 3 - 4 Min.

In Berlin suchen sie wieder mal Lehrer. Weil schlecht geplant und weil der Schwund so hoch ist, können es auch „Quereinsteiger“ mal versuchen. Das kann keine Lösung sein.

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft lassen sich die Rahmenbedingungen nachlesen. Dort fehlt der Hinweis, dass der Job außerordentlich gut dotiert ist. Womit natürlich ein Sog erzeugt werden soll. Ist halt die Frage, wen das so anzieht und warum es diesen Weg überhaupt gibt.

Zu meiner Zeit war ein Lehrer eine Respektsperson. Natürlich haben wir die als Schüler auch gelegentlich verarscht. Die Kleveren darunter haben es intelligent zurück gezahlt, die Sturköpfe ihre Macht ausgespielt. Von Ersteren habe — zumindest ich — wirklich was gelernt, von Letzteren ebenfalls. Allerdings nicht in dem Sinn, wie sie glaubten, dass ich es täte. Es gab jedoch klare Grenzen, die nicht überschritten wurden. Tätliche Angriffe auf Lehrer? Undenkbar! Beschimpfungen, Unflätigkeiten, Sachbeschädigung — alles Sachen, die man sich im jugendlichen Zorn vielleicht ausgemalt, aber keinesfalls in die Tat umgesetzt hätte.

Allenfalls „Gleiches mit Gleichem“, wenn ich an den Lehrer denke, der gern seinen dicken Schlüsselbund auf Schüler warf, die ihn gerade nervten. Blöd, wenn einer davon ein ausgezeichnetet Handballer ist und auf den Punkt mit ordentlich Zug zurück wirft, statt — wie üblich — demütig den Schlüssel zurück zu bringen. Das war gegenseitige Erziehung, denn wie hätte er erklären können, dass ein Schüler aus der dritten Reihe ihn mit seinem Schlüssel hart auf die Brust trifft? Bei uns flog der Schlüssel jedenfalls danach nie wieder.

Oder „gemeinsam saufen für die Wissenschaft“, wenn es im Physik-Leistungskurs darum ging, das optimale Verhältnis zwischen Flüssigkeit und Gas einer Sektflasche mit Plastikkorken zu ermitteln, mit dem sich der wieder eingeschlagene Korken auf maximale Weite schießen ließ. Da hat man sich für den Moment mit dem Lehrer verbrüdert. Für´s Lernen war das gut, den Respekt vor und für ihn hat es dennoch nicht beschädigt.

Heute werden Lehrer teilweise mit gerade fünfzig Jahren Frührentner, weil sich schlicht alle sind. In meinem Freundeskreis zählt ein Lehrer fünf verschiedene Töne in seinem Ohr, jeder für sich ein Hörsturz aufgrund seiner Lehrsituation. Das liegt sicher nicht daran, dass er ein Weichei ist oder seinen Job blöd findet. Ganz im Gegenteil. Aber wenn sich Schulklassen absprechen und die Nacht über Telefonterror veranstalten, Rettungswagen oder tonnenweise Pizza für dich bestellen, ist das nicht mehr lustig. Wehren kann man sich dagegen schwer bis gar nicht. Fehlende Schuldfähigkeit und fehlende Möglichkeiten des Lehrers vermitteln den Kids das Gefühl, dass alles geht.

Natürlich haben wir uns beim pubertären Kräftemessen geprügelt. Da floss womöglich sogar hin und wieder Blut. Ein bisschen. Aber wer am Boden lag oder auf den Boden ging, war fertig und die Sache erledigt. Wobei das in meiner Erinnerung nur ein einziges Mal vorkam. Vor allem ging es immer Mann gegen Mann. Das war sportlich fair. Es stand vielleicht die Gang dahinter, aber die hielt sich raus. Vor allem haben wir uns auf dem Schulhof in jeder freien Minute mit dem Fußball abreagiert und jeder — selbst ich fußballerischer Tiefflieger1 — durfte mitmachen. Das sehe ich heute auf keinem Schulhof mehr.

Ich will damit nicht sagen, dass wir (ich) bessere Kinder waren als die heutigen. Aber wir kannten noch Grenzen, die wir respektiert haben. Das lag zu einem guten Teil sicher an der klaren Haltung der Eltern. Aber die hatte auch der Lehrer und setzte sie eben nötigenfalls (s.o.) durch. Was heutzutage — zumindest erscheint mir das so — wohl eher schwer bis gar nicht möglich ist.

Wenn jetzt Hinz und Kunz, weil sonstwo gescheitert oder sich momentan unterbezahlt fühlend, als Lehrer rumprobieren darf und dort auch nur eine beschränkte Perspektive hat, ist das für die Haltung der Kinder in dieser Konstellation kaum zuträglich. Da es der Politik offenbar nur um einen schönen Schein geht, werden wir das leicht vorhersehbar in der Zukunft teuer bezahlen. Denn gute Bildung formt auch gute Menschen. Es ist keine neue Erkenntnis, dass schlechte Bildung und Gewaltneigung ein unheilvolles Gespann bilden.

Weil wir Bildung wie ein notwendiges Übel statt als wesentliche Chance behandeln, bei der neben den Grundrechenarten gleichermaßen eine Grundhaltung für Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens, Toleranz und mehr gelehrt werden sollten und auch gelehrt werden könnten, verfault unserer Gesellschaft zunehmend die Wurzel. Nichts anderes ist die Jugend, denn auf ihr ruht unser aller Zukunft. Ein Baum mit faulen Wurzeln wird bereits von einem Windhauch angezählt. Was erwartet uns wohl, wenn ein wenig Wind aufkommt?


1Ich hatte Augenmaß und gute Reflexe, was mich als Torhüter begehrt machte.