Wer kann sich Open Source leisten?

Erstellt: 27.01.2016  Lesedauer 3 - 4 Min.

Ein vielgepriesenes Argument für Open Source ist die Nachhaltigkeit, weil es keine Abhängigkeit zu einem Hersteller gäbe. Es hängt jedoch vom Geldbeutel ab, ob das wirklich so ist.

Die Idee ist bestechend. Mit Open Source habe ich die Programm-Quelle und bin deshalb unabhängig von der Firma, die das Produkt ursprünglich programmiert hat. Ich habe demnach eine große Nachhaltigkeit. Wie ein Auto also. Damit muss ich nicht zum Service des Herstellers. Ich kann in eine freie Werkstatt gehen. Die können das problemlos warten und es in Schuss halten.

Wenn mein Kotflügel oder der Scheinwerfer kaputt ist, benötigt die freie Werkstatt jedoch den Zugriff auf die Ersatzteile des Original-Herstellers. Andernfalls wird es für mich sehr teuer. Denn einen Kotflügel von Hand formen ist etwas sehr Aufwändiges. Da müssen Formen gebaut werden, blankes Blech verarbeitet werden und Weiteres. Kurzum Fähigkeiten, die in den meisten freien Werkstätten kaum anzutreffen sind.

Selbst wenn ich jemanden finde der das kann, werden die Kosten des von Hand gefertigte Kotflügels weit jenseits des Verkaufspreises vom Standard-Kotflügel sein. Freiheit und Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Bei einem Auto ist das allenfalls für ein besonderes Einzelstück oder Oldtimer vertretbar, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. Bei einem Fahrzeug aus dem Jahr 2010 mit Totalschaden wäre es grober Unfug. Da wird nicht lange gefackelt und ein neues, ggf. gebrauchtes Auto gekauft. Gleiche oder andere Marke, egal. Hauptsache fährt.

Auf dieser Grundlage lässt sich natürlich Software gleichermaßen betrachten. Wenn beispielsweise die Truppe um Open Office keine Lust mehr hat, na und? Nehm ich halt Libre Office! Es gäbe keinen sinnvollen Grund, an Open Office festzuhalten. Wenn die von Libre Office dann auch keine Lust mehr haben? Interessiert nicht weiter. Es gibt noch reichlich Alternativen für das, was ich damit mache. Weil das Programm auch ungepflegt noch seinen Dienst leistet, habe ich sogar Zeit und Ruhe für die Auswahl. Jedenfalls deutlich mehr als beim kaputten Scheinwerfer am Auto. Damit schaffe ich es im Idealfall nur bis zur nächsten Polizeikontrolle.

Oldtimer und Einzelstücke sind was für Liebhaber und / oder Leute mit viel Zeit und / oder viel Geld. Nüchtern betrachtet muss alles zusammen erfüllt sein. Bis auf ganz wenige Ausnahmen muss ein Oldtimer den Besitzer nicht täglich zur Arbeit bringen. Der kommt am Wochenende und dann nur bei schönem Wetter aus der Garage. Für Spass halt.

Bei in die Jahre gekommener Software, oder wenn der Hersteller aufgibt bzw. aufgeben muss, passiert erst einmal — gar nichts. Denn die Software läuft durchaus noch jahrzehntelang wie gewohnt weiter. Ich weiß, wovon ich spreche. Selbst ohne Weiterentwicklung kann ich — das ist der große Vorteil von Software gegenüber Autos — verschleißfrei damit weitermachen.

Eng wird es, wenn ich was Neues, aber da drin will. Geht. Kostet aber Unsummen. Bei sehr spezieller Software, die sowieso teuer ist, weil für einen Spezialfall entwickelt, ist das bedeutungslos. Als Nutzer eines solchen Produkts habe ich — zumindest machen Versicherungen das mit Ihren Cobol-Programmen so — die Softwarentwickler als Mitarbeiter im Haus. Die werden nötigenfalls mit Goldstaub bezahlt (oder gelockt), damit sie dem Unternehmen treu bleiben. Solange sie nicht vor den Bus laufen, ist alles gut.

Für die meisten Unternehmen ist jedoch das Gehalt für einen solchen Spezialisten bereits jenseits des Bugdets für die im Unternehmen verwendete Software. Alle Software inklusive erforderlicher Hardware, nicht nur ein einzelnes Programm-Paket. Für Privatleute ist das jenseits jeder Vernunft, Liebhaber (s.o. Oldtimer) ausgenommen.

Deshalb halte ich dieses Argument für das Schwächste, das für Open Source spricht. Und das Dümmste, wenn es sich um Software handelt, für die es reichlich gleichwertige Alternativen gibt. Allenfalls wenn das „Open“ als Synonym für „keine Kosten“ gelesen wird. Was jedoch in einem Selbstbetrug enden kann. Denn damit ich Nutzen aus dem Programm ziehen kann, muss ich bei Open Source häufig sehr viel Zeit auf das Recherchieren von Informationen verwenden. Oder ein Seminar besuchen. Vielleicht nicht direkt erkennbar, aber beides kostet letzendlich dann doch was. Und wenn es nur das nicht verdiente Geld ist, weil zum Geldverdienen keine Zeit war.

Warum ich trotzdem Fan von Open Source bin

Jenseits der vermeintlichen „Nachhaltigkeit“ oder des vermeintlichen „ist günstiger“ gibt es das, worauf man bei jedem Kauf von „Werkzeug“ schauen sollte. Den Nutzen.

Ein Auto bringt mich an ein gestecktes Ziel, das ist gleichermaßen die Aufgabe von Software. Hierbei erweist sich Open Source häufig als signifikant zielstrebiger (um im Bild zu bleiben), als es die Alternativen aus der anderen Fraktion sind.

Das ist für mich der stichhaltige Grund, der Open Source außerordentlich interessant und attraktiv macht.