Wurzelbehandlung

Erstellt: 25.06.2016  Lesedauer 1 - 2 Min.

Am Donnerstag war Wurzelbehandlungstag. Für mich und für Europa. Beides gibt OP-Schmerzen. Ich rechne damit, dass es für Beides ein gutes Ende nimmt.

Wurzelbehandlungen sind so eine Sache. Unangenehm, schmerzhaft, langwierig. Man macht es aber mit dem Ziel im Blick: es soll etwas Gutes erhalten werden. Ich kann mir heute mit einer Schmerztablette über den Tag helfen. Für die Briten wird es in den nächsten Monaten und Jahren mit ein paar Pillen nicht getan sein. Die dachten, Europa sein ein defekter Zahn und haben den gezogen. Mal schauen, was der Rest der Kauleiste ersatzweise liefert.

Mir persönlich sind die Engländer — genauer: deren Politiker und deren Politik — in den letzten Jahren zunehmend auf den Zeiger gegangen. Inselpolitik im Wortsinn. Mag sein, dass für Europa ein paar Euro mehr drin waren. Natürlich wird das erst mal zu Umschichtungen kommen. Geschäftsausrichtungen müssen neu definiert werden. Wenn es nur darum geht: einfach das Russland-Embargo aufheben, schon ist das kompensiert.

Natürlich war die Tommy-Nation wichtige Geld-Einzahler. Der viert-größte.1 Sie haben von der Kohle auch vieles nicht mehr gesehen. Allerdings haben sie primär mit Europa die Kohle verdient, die sie ausgegeben haben2. Schaun wir mal, ob sie das halten können. Denn dafür müssen Sie auf dem Festland die Maschinen und Rohstoffe kaufen. Die muss man sich mit dem abgewerteten Pfund erst mal leisten können. Preiswerter wird der eigene Kram dadurch ebenfalls nicht. Da kommen einige sicher ins Grübeln, wie interessant die Insel generell noch als Standort ist4.

Schaun wir mal, ob das Abtrennen von London den Bankplatz Frankfurt stärkt. Die wollen zwar fusionieren, ist halt die Frage, wo dann die Zentrale ist und ob Sie es noch dürfen. Viel Geld wird nicht mehr nach London fließen, weil es nicht mehr darf. Oder weil die Bänker nicht mehr wollen3.

Alles in allem hat Europa mehr Kompensationsmöglichkeiten als die Insulaner. Die müssen sich etablieren, aber das können sie. Für die Mutter des Commonwealth ist jedoch die Welt demnächst erst mal in Dover zu Ende. Dann kommt die große Wirtschaftsunion, der man ans Bein gepisst hat. Das wird sie nicht mögen. Aber wir müssen uns in der EU nicht mehr mit Bremsern und Blockierern herumärgern, wie es die Briten in den letzten Jahren waren. Da ergeben sich neue Perspektiven.

Für eins müssen wir den Briten allerdings dankbar sein: eine Wurzelbehandlung ist eine Alternative zum Zahn ziehen. Die Briten haben es gezeigt: alternativlos ist schlichte Ignoranz der Politiker. Es gibt immer Alternativen. Das hat der dumme Zocker Cameron jetzt mit voller Wucht abbekommen. Es wird anderen Politikern hoffentlich den ordentlichen Schrecken einjagen, den es dringend mal gebraucht hat.

Es wird die EU-Politik (hoffentlich) flexibler und volksnäher machen. Sonst gibt es weitere Klatschen. Eine vermeintlich schlechtere Alternative eröffnet zumindest neue Perspektiven. Wer am Ende das kurze Hölzchen gezogen hat, hängt maßgeblich davon ab, was man aus der neuen Situation macht.

Deshalb werde ich meinen Zahn im Auge behalten, damit sich der Stress gelohnt hat. Sollten die EU-Politiker mit den Bevölkerungen der Union ebenso sorgfältig tun. Das kann dann in beiden Fällen die Basis von lang anhaltender Gemeinsamkeit werden.