Arbeitsmarkt 2017

Erstellt: 30.09.2017  Lesedauer 3 - 4 Min.

Aktuelle Stellen­anzeigen finde ich zunehmend peinlich. Da wird mit Banalitäten geworben, die bei mir einen Impuls zum weiter­blättern auslösen.

Zum Monats­anfang habe ich mich von meinem primären Auftrag­geber getrennt. Das Produkt „KIX“ entwickelt sich anders, als ich mir das erhofft hatte. Bei allem Erfolg den ich persönlich damit hatte, wurde die gemeinsame Basis immer schmaler. Also suche ich eine Neue. Dabei nutze ich überwiegend die Stellen­anzeigen der verschie­denen Portale, die mit den passenden Suchworten bestückt, Kontakte und Konkretes auswerfen. Erzwun­gener­maßen lese ich dort Stellen­anzeigen. Bei einer erschreckend großen Zahl frage ich mich, ob Jobsuchende tatsächlich so verzweifelt, blind oder gar blöd sind, oder ob die Anbieter aus Verzweif­lung, Blind- oder gar Blödheit „sowas“ verfassen.

Wer „kostenloses Obst“ für erwähnens­wert hält, hat offenbar sonst nichts zu bieten. „Flache Hierarchien“ heißt im Umkehr­schluss, dass es

keine Aufstiegs- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten gibt, denn die wenigen Jobs „darüber“ sind mutmaßlich auf lange Sicht fest vergeben. Wenn „Freund­lich­keit, Flexi­bili­tät, Hilfs­bereit­schaft“ explizit aufgeführt wird, bin ich ziemlich sicher, dass mir Mitarbeiter im persön­lichen Gespräch etwas diametral anderes erzählen würden. „Hohe Motivation“ lässt sich als elegante Umschrei­bung von vielen, vom Arbeitgeber erwarteten Überstunden lesen, die womöglich nicht abgefeiert werden können oder nicht bezahlt werden.

Das zunehmend einschleimende „Du“ in Anzeigen könnte man als Alters­dis­kri­mi­nie­rung werten. Denn zumindest ich bin noch mit dem respekt­vollen „Sie“ groß geworden. Ein „du“ will ich anbieten oder angeboten, aber nicht auf­ge­zwun­gen bekommen. „Du Depp“ geht leichter über die Lippen als „Sie Depp“. Beim „du“ ist man als Aus­sprech­ender der Meinung, man sei so vertraut, dass man die Dinge auf den Punkt bringen darf. Vorgesetzte verstehen direkte Ansprache – trotz „du“ – dennoch regelmäßig als Majes­täts­be­lei­di­gung und schieben im Kopf fix die Daten für die Abmahnung zusammen.

Es hat sich ein „Stellen­aus­schrei­bungs­jargon“ ausgebildet, der viel heiße Luft und wenig konkrete Information beinhaltet. Insbesondere bei Job­vermittlern steht häufig bestenfalls ansatzweise drin, was genau gemacht werden soll. Gelegentlich sind die Beschreibungen derart allgemein, dass es auf Toiletten­reini­gungs­fach­kraft bis hin zum IT-Teamleiter passt. Bloß nicht viel Konkretes sagen. Wer will schon Interessenten, die sich im Vorfeld über das Unternehmen und die Inhalte informieren, damit sie eine qualifizierte, auf die Anforderung passende Bewerbung schicken – oder eben nicht, weil sie erkennen, dass es kein Job für sie ist.

Letztendlich schaden sich die Schreiber solcher Anzeigen meines Erachtens selbst, denn niemand kann sich auf alles das ansatzweise interessant klingt bewerben. Dass sich auf solche Angebote augenscheinlich eher Ungeeignete beworben haben, unter denen notgedrungen „das kleinste Übel“ ausgewählt wurde, verraten regelmäßig die wieder geschalteten Anzeigen vor Ablauf der Probezeit.

Als Suchender hat man kaum Chancen, sich gegen diese Auswüchse zu wehren. Aufgrund dieser informellen Verwässerung lässt sich der perfekte Job nur per glücklichem Zufall finden. Bis dahin hangelt sich eine wachsende Zahl Arbeitnehmer von Job zu Job und darf mit jedem Versuch herausfinden, ob und wie große Diskrepanzen es zwischen Selbst­darstellung und Realität gibt. Bewusst oder unbewusst formuliert ist selten zweifels­frei klärbar. Was zu signifikant abnehmenden Zuge­hörig­keits­zeiten der Mitarbeiter führt, weil unzufriedene sich was Neues suchen.

Bei Bewerbungen müssen sie zu allem Überfluss dann recht­fertigen, warum sie es nirgends lange „aushalten“. Was eine Zwickmühle ist, denn „weil ich bei Bewerbungs­gesprächen regelmäßig angelogen wurde“ wäre in eben dieser Situation zwar ehrlich, bringt aber die Stimmung in die Nähe des Gefrier,punkts. Die ebenfalls ehrliche Antwort, dass man mit den vielen gesammelten Erfahrungen erst für den angefragten Job gereift ist, ist gleicher­maßen problematisch. Denn mit (zu) viel Kompetenz sägt man indirekt am Stuhl desjenigen, der einen einstellen soll. Zumindest glaubt der/diejenige das.

Weniger Fahrtzeit zum Arbeits­platz, bessere Aufstiegs- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, Thema hat schon immer interessiert, … – das sind zwar eher langweilige, jedoch unver­fäng­liche und menschlich nach­voll­zieh­bare Gründe. Wobei Klagen über die Fahrzeit zum Arbeits­platz taktisch unklug sind, wenn man sich für eine Außen­dienst­stelle bewirbt. Trotz spontan entstandener Sympathie der Gesprächs­teil­nehmer füreinander dürfte das die Unter­haltung extrem verkürzen.

Die schlichte Wahrheit ist offenbar unzureichend. Statt dessen versucht jede Seite durch selektive Überzeichnung eine bestmögliche Selbst­dar­stellung. Denn als Arbeits­kraft-Anbieter sollte ich mich auf dieses Niveau einlassen – es soll ja zusammen­passen. Persönlich halte ich es mit Roger Murtaugh aus Lethal Weapon. Mich gibt´s nur mit Ecken und Kanten, ohne „Rumgeeiere“. Letzteres wird von einer über­wälti­gen­den Mehrheit Interessenten und Geschäfts­partnern als ergebnis­orientiert, erfrischend, hilfreich und nützlich wahr­genommen. Kann also so falsch nicht sein.