Deutungshoheit

Erstellt: 05.09.2017  Lesedauer 2 - 3 Min.

Die IFA fällt dieses Jahr in den „heißen Endspurt“ des Bundestagswahlkampfs. Bei genauer Betrachtung haben die Beiden überraschende Ähnlichkeiten.

Mein erster IFA-Besuch war am 3.9.1981. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich an diesem Tag meinen Führerschein gemacht habe. Wäre ich durch­gefal­len, hätte ich den Zorn dreier Freunde auf mich gezogen, mit denen der Fahrer­tausch nach Berlin verabredet war, damals noch „durch die Zone“, mit schlafen auf sumpfigem Zeltplatz von unten und oben im Minutentakt startenden oder landenden Flugzeugen.

Damals gab es für uns wirklich Neues, da war die IFA ein Fenster in die Zukunft. Als ich am Freitag letzter Woche da war, wird mir das zwar ebenfalls suggeriert. Bei genauerem Hinsehen gibt´s allerdings nur alten Wein in neuen Schläuchen. Vorhandenes wird „tot­optimiert“. Was nützt mir beispiels­weise ein Fernsehbild mit höherer Schärfe als in der Realität. Beein­druckend zwar, allerdings gibt es keinen Sender, der entsprech­endes Material rausschiebt, das „neue“ DVB-T2 schafft jetzt endlich FULL-HD, was bei der IFA auf den tollen Monitoren kaum besser aussehen kann, als mit einem signifikant preis­werteren Gerät, das eben nur diese Auflösung hat.

Auch sonst: keine Innovation, bestenfalls Evolution. Primär ist es mehr Auflösung, Schneller, Länger, … – für Sachen, die bei genauerer Betrachtung vor einigen Jahren schon mehr konnten, als wir brauchen. So gesehen ist die IFA eine Schau der Ineffizienz, wie sonst könnte ich ein teureres, über­kan­di­del­teres Produkt bezeichnen, dem ein objektiver Mehrwert fehlt. Das deuten Meinungs­macher und Marketing­strategen natürlich völlig anders. Da wird ein Telefon mit KI-Modul bejubelt, allein: was kann ich damit machen und was soll mir künstliche Intelligenz im Mobil­telefon erledigen? Gegen eigene Dummheit wird es kaum helfen… .

Womit wir bei den Bundestags­wahlen wären. Da werden uns ebenfalls alte, geschei­terte Ideen als Neuigkeit präsentiert:

  • Ein SPD-Möchtegern-Kanzler spricht von sozialer Gerech­tigkeit und blendet aus, dass sein Vorgänger mit Harz IV der Verelendung die Tür geöffnet hat und die sozialen Schichten noch undurch­lässiger wurden, als sie es schon waren.
  • Frau Ich-bin-Kanzlerin erzählt uns was von innerer Sicherheit und Ent­schä­digungen für mit Schummel Software betrogene Auto­besitzer. Im Radio erzählen sie gerade was von sigini­fikant ange­stiegener Krimi­nalität, einer ihrer Minister kuschelt mit der Auto­industrie und findet es in Ordnung, dass es außer einer Produkt­ver­schlech­terung keine Entschä­digung für seine Wähler gibt.
  • Die Grünen wollen Öko-Strom, sind aber die ersten, die gegen die dafür erfor­derlichen Strom­trassen Sturm laufen, sind gegen Kriege und waren die ersten, die einen Auslands­einsatz der Bundeswehr erst möglich gemacht haben.
  • Die FDP macht mit einem edel verpackten Personen­kult einen derart inhalts­leeren Wahlkampf, mit dem verdeut­licht wird, dass von nichts nichts kommen kann.
  • Die AfD hängt ihrer Plakate wieder über zwei Meter hoch, damit man sich nicht darauf übergeben kann – das einzige, was mir bei den Sprüchen durch den Kopf gehen könnte.

Weil „nicht wählen gehen“ keine Option ist, habe ich versucht, mir zumindest ein Gefühl zu verschaffen, wer es denn sein könnte – behautungs­technisch, denn wie oben kurz angedeutet ist zwischen Wort und Tat häufig eine erhebliche Diskrepanz. Dass der Wahl-O-Mat mir „Die Partei“ als Topvor­schlag liefert, stimmt mich nachdenk­lich. Ebenso, dass es „Die Partei“ beim Wahl-Navi von RTL fehlt, was zu völlig anderen Ergebnissen führt. Weglassen als Methode der Deutung. Wobei die Fragen beider Wahlhelfer lenkend sind, um die Deutungs­hoheit über meine Meinung zu erlangen.

Hilft alles nix: selbst denken, selbst entscheiden, nicht andere über die eigene Meinung deuten lassen.