Etikettenschwindel

Erstellt: 04.07.2017  Lesedauer 2 - 3 Min.

Wer gegen die selbst gesteckten Ziele verstößt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. „buergerkandidaten.de“ hat das womöglich.

Das Konzept klingt in der Kurzdarstellung ziemlich gut:

„Die Bürger­kan­didatinnen sind völlig unabhängig von Parteien und richten ihre politischen Ent­scheidungen alleine an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger ihres Wahlkreises aus.“

Nachdem ich dachte, statt immer zu man müsste mal was tun aus­zusprechen, einfach mal wirklich was tun, habe ich mich – blauäugig ohne tiefer­gehende Unter­suchung – für die Bewer­berliste in meinem Wahlkreis angeboten. Es hat ein paar Tage gedauert und ich wurde „angenommen“. Weil die Infor­mationen darüber, was ich denn anstellen muss, damit ich auf die Wahlzettel komme, dünn bis nicht vorhanden waren, habe ich halt nachgefragt. Da war es dann vorbei mit blauäugig da wurde es zum blauen Auge.

Zuerst meldete sich eine Dame, die namentlich nicht im Orga­nisa­tionsteam auftaucht. Da denke ich mir noch nichts weiter. Die Tipps sind sehr allgemein gehalten und – genau genommen – nur bedingt hilfreich. Allerdings soll ich die erfor­derlichen Formulare nach­träglich per Mail erhalten. Den Verweis auf mein Landratsamt registriere ich, die Formulare finde ich mit ein wenig Eigen­initiative beim Wahlleiter des Landes Nieder­sachsen. Wie zugesichert, erhalte ich kurz darauf die Ausfüll-Hilfe.

Es dauert eine Weile, bis ich stutzig werde. Was ist diese UNAB­HÄNGIGE für bürgernahe Demokratie, die in den über­mittelten Formularen überall auftaucht? Da frag ich doch mal fix Wiki­pedia und bin überrascht: Das ist eine Partei! Was spätestens der – als letztes Dokument – zugestellte Auf­nahmeantrag mit deutlich formu­lierten Finanz­ierungs­vor­stellungen unter­streicht. Die kommu­nizierende Dame ist auch telefonisch aktiv und fasziniert mich mit den – ich fasse das kurz zusammen – Utopien, die sie mit „buerger­kandidaten.de“ realisieren möchte. Als Partei­mitglied bei den UN­AB­HÄN­GI­GE(n) – und Vertretung für den eigent­lichen Ansprech­partner, der einen Hörsturz habe. Was nach­vollziehbar macht, warum die vermeint­lich unabhängige Bewegung das gleiche Bankhaus für Spenden wie diese Partei hat.

Die Dame will mir am Telefon ausreden, dass ich mich getäuscht fühle. Was natürlich Quatsch ist: ein Gefühl lässt sich nicht weg­diskutieren. Sie ist darüber hinaus ziemlich überrascht, dass ich den Inhalt von buerger­kandidaten.de augen­schein­lich besser kenne als sie. Speziell die im Kasten oben nieder­ge­schriebene Aussage. Ich müsse da ja nicht mitmachen, es sei halt besser. Den Widerspruch will sie nicht erkennen.

Ich kürze das ab und bestehe darauf, dass mein Bewer­berprofil umgehend von der Seite entfernt wird. Denn einer Partei wollte ich weder beitreten, noch zuarbeiten. Mir wurde der Eindruck vermittelt, dass dies möglich sei. Allerdings ist das Konzept von einer Partei unter­wandert. Der Duden kennt eine über­raschende Vielzahl an Alter­nativen für das Wort „Täuschung“. Ich sehe darin einen „Etiket­tenschindel“ (s. Titel), denn wenn eine Partei mit einem Konzept der Partei­losigkeit auf Mit­gliederfang geht, ist nicht drin, was drauf steht.

Das Rauswerfen bei buerger­kandidaten.de ging erfreulich schnell: mein Bewerber­profil wurde innerhalb von 13 Minuten nach der Auf­forderung dazu entfernt.

Selbst­ver­ständlich kann ich – falls erfor­derlich – die hier zusammen­gefasst dar­gestellte Kommu­nikation mit der namentlich nicht genannten Dame anhand von E-Mails und Anruf­beantworter-Auf­zeichnungen untermauern. Die muss ich – weil sie an meine Geschäfts­adresse gingen – 10 Jahre aufbewahren. Von der zitierten Webseite zum Zeitpunkt dieses Beitrags gibt es natürlich ein Backup – falls das nach­träglich Aussage-optimierend bearbeitet werden sollte.