Weidemilch

Erstellt: 26.03.2017  Lesedauer 1 - 2 Min.

Qualität lässt sich definieren. Aus einer Definition lässt sich demnach Qualität ableiten. Logisch – alles prima, so lange niemand die Definition hinterfragt.

Ich sitze vor meinem Morgenkaffee und lese eher beiläufig, was auf der Milchflasche steht, die mir das Abrunden meines Getränks ermöglicht hat. Das sei „100% Weidemilch“. Was logisch ist, denn das steht ja auch in fetten Lettern auf der Flasche: Weidemilch. Was allerdings mit Fragezeichen versehen ist, wenn darunter gleichzeitig länger haltbar und 3,8% Fett steht. Kommt also genau genommen nicht von der Weide, sondern von da, wo alle Milch her kommt: Aus der Fabrik.

Aber diese hier, die ist „100% Weidemilch“. Denn die Kühe, aus denen sie rausgesaugt wird, stehen mindestens 120 Tage im Jahr auf der Weide. Was für mich bedeutet, dass Sie an den übrigen 245 Tagen keine Weidemilch geben, weil sie ja nicht auf der Weide stehen. Allerdings stehen sie an den 120 Tagen lediglich mindestens 6 Stunden auf der Weide. Von den 120 Tagen demnach gerade mal nur ein Viertel, also 30 Tage.

Umgerechnet auf das Jahr dürfen die Kühe demnach knapp 2 Stunden pro Tag raus. Etwa das Doppelte von dem, was ein Häftling als Hofgang bekommt. Anders herum gerechnet sind sie demnach durchschnittlich ca. 22 Stunden pro Tag nicht auf der Weide.

Mir ist bewusst, dass ich kein Mathe-Genie bin. Womöglich habe ich da irgendwo noch einen Denkfehler. Ich bekomme jedoch bei einem Tag mit 24 Stunden bei 100% 24 Stunden heraus. Auf der Milchflasche hat jemand 2 Stunden pro Tag als 100% definiert. Eine schnelle Suche führt auf die Seite Lebensmittelklarheit.de. Die „Definition“ – so man das so nennen darf – ist hochelastisch. Entsprechend ausgelegt wäre es bereits Weidemilch, wenn die Milchkühe auf dem Weg zum Schlachter mal über eine Weide getrieben werden. Muss lediglich im Sommer sein („während der Vegetationsphase“).

Offensichtlich frage nicht nur ich mich, was die Aussage „Weidemilch“ suggeriert und was sie tatsächlich ist: eine Blendgranate für´s Marketing. Denn die Definition „100 % Weidemilch“ heißt letztendlich nur, dass die Kuh mal eine Weide gesehen haben muss, während das Gras wächst. Meine Definition davon war bis vor wenigen Minuten eine andere.