Wenn Spaß mühsam wird

Erstellt: 20.10.2017  Lesedauer 2 - 3 Min.

Weil wir immer mehr Zeit für uns haben, damit aber immer weniger anfangen können, wird sogar die Selbstbespaßung zu Stress.

Heute morgen springt es mich in großen schwarzen Lettern beim Bäcker vom Bildzeitungstitel an:

Verona verlässt Facebook

(oder so ähnlich, ich habe sie nicht mitgenommen, ich bilde mich anders)

Was wohl tatsächlich der Fall ist, wobei sie genau genommen von Facebook zu Facebook wechselt. Den bei Turi2 gemeldeten Grund finde ich bemerkenswert: weil zwei Mitarbeiter nicht schnell genug Kommentare löschen können. Das wirft bei mir zwei Fragen auf:

  1. Frau Pooth ist eine Werbeikone. Da gehört das „Doofsein“ zum Produkt Verona. Was einige nicht kapieren: das hat nichts mit der realen Frau Pooth gemein. Ich glaube, das ist eine ziemlich clevere Geschäftsfrau, die mit (vermeintlich) Spaß haben und das anderen zeigen ihr Geld verdient. Das ist nicht verwerflich, zeigt lediglich, dass vergleichsweise sinnfreie Tätigkeiten in unserer Gesellschaft mehr Wert haben (und der Person Geld aufs Konto schaffen), als ein gesellschaftlich erheblich relevanterer Beruf wie z.B. Krankenschwester oder Polizist (beides sehr unterbezahlte Berufsgruppen).
  2. Wenn bereits zwei Mitarbeiter an die Grenze stoßen, die sinnfreie Beschäftigung mit dem Schreiben von Reaktionen auf sinnfreie Tätigkeiten zu löschen, weil in der Handlung selbst noch Hass, Dummheit, Missgunst oder was auch immer mitschwingt, dass den Spaß stört, frage ich mich, ob diese Menschen weder einen interessanten Beruf, vernünftige Hobbies oder Freunde haben, denen sie auf den Keks gehen können.

Ich weiß sehr genau, warum ich weder einen Facebook- noch einen Whatsapp-Account habe. Das liegt einerseits daran, dass ich mit den Methoden und Praktiken von Facebook (zu dem auch Whatsapp gehört) Schwierigkeiten habe. Denn natürlich ist der Dienst nur vermeintlich kostenlos. Jeder Teilnehmer dort bezahlt mit seinen persönlichen Daten und Vorlieben, die sich Facebook sehr genau anschaut und vermarktet. Andererseits nutzen mir virtuelle Likes im realen Leben wenig bis gar nichts. Ich ziehe einen echten Freund und dessen Urteil einer beliebig-stelligen Anhängerschar und deren (vermeintliche) Zustimmung bei Facebook vor. Denn der sagt mir seine Meinung ins Gesicht, weiß was er sagt, weiß wem er das sagt und weiß, warum er mir das sagt.

Ich komme noch aus einer Zeit, in der ich eigenständig ohne fortwährende Rückfragen in meine Community per Mobiltelefon oder WhatsApp eine Hose einkaufen konnte (und immer noch kann). Die permanente Geschwätzigkeit aufgrund irgendwelcher Katzenvideos1 oder sonstiger Belanglosigkeiten per Messenger und Telefon macht viele Menschen sprachlos, wenn sie sich tatsächlich mal persönlich und echt gegenüber stehen. Die latente Ablenkung behindert viele am Fertigdenken ihre eigenen Gedanken – so sie die überhaupt noch haben. Viele meiner diversen Hobbies – z. B. Handwerkliches – lassen sich erheblich schlechter bis gar nicht realisieren, wenn ich permanent in einer Hand das Mobiltelefon halten und überwachen muss.

Im Radio haben sie die Tage mal erwähnt, dass „der Deutsche“ durchschnittlich 4,5 Stunden täglich(!) in den sozialen Medien unterwegs sei. Was bei Zugrundelegung meiner Nutzung bedeutet: es gibt wohl einige, die noch länger dort sind. Wie belastbar diese Zahl ist oder ob ich mich verhört habe2 sei dahin gestellt. Dennoch frage ich mich zunehmend, wann „der Deutsche“ überhaupt arbeitet, weil er darüber hinaus rund vier Stunden fern sieht.

Eine – für mich wenig überraschende – Erkenntnis der Forschung unterstellt, dass die (vermeintliche) Community und die Aufenthaltsdauer in dieser virtuellen Gemeinschaft eher ein Zeichen für das Gegenteil, nämlich Vereinzellung und Einsamkeit ist. Was meine Eingangsthese stützt: wir haben immer mehr Zeit nur wissen wir damit immer weniger (Sinnvolles) anzufangen. Womit aus Freizeitspaß der pure Stress und Frust wird, den viele offenbar in entsprechenden Tiraden bei den Freizeitmedien Facebook und Co. abladen.


1Nichts gegen Katzenvideos. Ich habe da durchaus selbst regelmäßig Spaß dran. Aber alles zu seiner und in einer dafür angemessenen Zeit.  

2Bei Statistika.de gibt es eine Erhebung, dass 16% der Deutschen allein Facebook mehr als 2 Stunden täglich nutzen. Das deutet darauf hin, dass dieser Wert so nicht stimmt – wobei „soziale Medien“ nicht spezifiziert war, also eine wirkungssteigernde Summierung von gleichzeitigen Tätigkeiten zu dieser Zahl geführt haben könnte.