Wieder verzockt

Erstellt: 09.06.2017  Lesedauer 1 - 2 Min.

Es ist erschreckend, wie leichtfertig naiv manche Politiker mit Wahlen umgehen. Basierend auf Halbwahrheiten oder substanzlosen Argumenten passieren dann Dinge, die vorhersehbar unvorhersehbar sind.

  • Cameron wollte eine Brexit-Entscheidung, weil er meinte, das sei eine ausgemachte Sache: er hält sein Wahlversprechen, aber die Briten bleiben in der EU. Verzockt.
  • May wollte sich mehr Rückhalt verschaffen, weil sie meinte, den habe sie: sie kann es dann richtig krachen lassen und die Briten bestätigen das. Verzockt.

Die Argumentation „Nur ich bin die Richtige“ war da wohl doch zu dünn als schlagendes Argument für Frau May. Ihr Gegner, Herr Corbyn, war nicht gerade ein starker Gegner. Eigentlich hat die Labour-Party ihr mit dieser Personalie indirekt ein Geschenk auf dem silbernen Tablett angeboten. Dass jemand ihr den Schneid abkauft, der in den Augen vieler Briten alles außer Führungsstärke und die erforderlichen Kompetenzen hat, lässt erkennen, wie weit sich Frau May von dem entfernt hat, wofür sie stehen sollte: dem Volk. Dem hat sie eine Wahl angeboten und genau das ist passiert. Sie haben gewählt. Jedoch nicht wie Theresa es gebraucht hätte, sondern so, wie das Volk die Lage mittlerweile wahrnimmt: „Ist sie wirklich die Richtige?“ Dumm gelaufen.

Für England ist es so ziemlich das Schlimmste, was eintreten konnte. Die Börsen reagieren bereits mit nachgebendem Pfund, die Brexit-Verhandlungen wird jetzt jemand anderes – unvorbereitet, ohne Reputation – führen müssen. Denn Frau May überlebt das politisch vermutlich nur noch ein paar Stunden (es ist jetzt 07:30 Uhr). Den Briten selbst wird vor Augen geführt, wie groß der Riss ist, der durch die Insel geht.

Dass die Brexit-Hetzer der UKIP offenbar komplett aus dem Unterhaus geflogen sind, ist dabei eher eine Randnote. Ordentlich Flurschaden haben sie vorher gemacht, jetzt müssen sie nicht mal mehr aufräumen. Was daran liegen könnte, dass ihnen selbst das keiner mehr zutraut. Es könnte bestenfalls als ein kleines aufloderndes Licht angesehen werden, dass „die Rechten“ an Boden verlieren. Wobei England eine Insel mit eigenen Stimmungen ist. Hoffen, dass es auf das Festland schappt, kann jedoch kaum schaden. Es war vor dieser Wahl schon knifflig für die Briten und die EU. Aus schlecht wurde schlechter.

Ich bin sehr gespannt, was im Herbst das deutsche Stimmvieh macht. Den aktuellen Umfragen folgend, die allerdings bei politischen Entscheidungen in der letzten Zeit auffallend ungenau sind, ist Gegenkandidat Schulz bereits im freien Fall und kurz vor dem Aufschlag. Was keinesfalls gut ist, denn ein kleineres Übel ist immer noch ein Übel. Wobei ich einräumen muss: so übel ist es objektiv betrachtet gar nicht. Jedenfalls fällt mir ehrlicherweise niemand spontan ein, von dem ich aufrichtig glaube, dass der/die es besser könnte.