Sicher verunsichert

Erstellt: 02.04.2018  Lesedauer 2 - 3 Min.

Der Digitalwahn schafft eine vermeintliche Sicherheit, die uns letztendlich nur zunehmend verunsichert.

Ein Artikel der RuhrNachrichten setzt sich mit „Überwachungs-Apps“ für Kinder auseinander. Da wird eine Mutter mit „Das beruhigt mich“ zitiert. Ebenso der Elternverband mit es „wird ein Sicherheitsgefühl vermittelt, das in der Realität uneinlösbar ist“. Mich stimmen beide Aussagen nachdenklich. Einerseits, dass eine Mutter ernsthaft glaubt, dass eine GPS-Überwachung nur ein Jota mehr Sicherheit für ihr Kind bedeuten könnte. Andererseits ein Elternverband, der sich genötigt sieht, seine Mitglieder auf diesen Irrglauben hinzuweisen.

Wobei der Elternverband eher allgemeine Feststellungen für die Zeitung raushaut. Denn wären die Eltern mit diesen Informationen versorgt, würde eine Mutter sich ja kaum sicher fühlen. Indirekt räumt der Verband mie seinen Aussagen ein grobes Versäumnis ein. Wären die Eltern hinreichend informiert, gäbe es für die diskutierten, vermeintlich Sicherheit schaffenden Produkte keinen Markt.

Der Knüller ist die abschließende Erkenntnis, dass Vertrauen aus Vertrauen erwächst. Die Eltern meiner Generation haben an solche Sprüche vermutlich keinen Gedanken verschwendet, wenn sie ihren Kindern einige Male den Weg zum Kindergarten oder zur Schule gezeigt haben, den wir anschließend selbst finden und gehen mussten. Nix mit im Auto Hinbringen und der heute üblichen Rundumbespaßung. Mag sein, dass früher weniger publik wurde, doch ohne Kenntnis verbindlicher Zahlen behaupte ich, dass der Schwund insgesamt ohne Panik-Mache und überführsorglicher Betüdelung etwa auf dem gleichen Niveau gelegen hat.

Das Urvertrauen war dabei keineswegs unbedingt größer oder die Welt besser. Die Leute hatten vermutlich einfach weniger Zeit dafür, sich selbst in Panik zu versetzen. Falls dann mal das Unvorstellbare passierte, war das Elend sicher ebenso groß wie heute. Die Optionen der Selbstgeißelung sind jetzt allerdings größer, weil man ja zu geizig für die Schulwegüberwachungsdrohne war.

Doch was würde die denn nutzen? Was bringt es mir denn, wenn ich auch noch zuschauen kann, wie mir Einbrecher die Bude ausräumen oder mein Kind mit Süßigkeiten in einen Wagen gelockt wird, dessen Nummernschild aufgrund des Betrachtungswinkels und/oder beschissener Auflösung unmöglich lesbar ist? Hilft es mir, wenn ich das in Dauerschleife und Superzeitlupe betrachte?

Statt teurer Apps sind die überlieferten Grundregeln weiterhin gültig: Statt teuer WLAN-Cam mit Internet-Streaming zur Überwachung des altersschwachen Türschlosses ist die Investition in ein stabileres mutmaßlich signifikant zweckmäßiger und schadensbegrenzender. Genauso wie der Einsatz der Zeit, die es einfach kostet, einem Kind das Leben zu erklären, statt es davon fern zu halten und sich mit Technik-Schnickschnack selbst zu beruhigen.

Neben „Vertrauen“ ist „Misstrauen“ ebenfalls eine überlebenswichtige Fähigkeit, die Kinder und Jugendliche zunehmend verlieren. Ich wäre jedenfalls als Kind und Jugendlicher keinesfalls bereit gewesen, mich mit einem Unbekannten irgendwo zu verabreden oder Privates per Social Media rauszutröten.

Natürlich konnte eine vertrauliche Nachricht damals ebenso in Umlauf kommen, wenn der ins Vertrauen Gezogene eben dieses missbrauchte. Doch immerhin war er dann identifizierbar und konnte in der Werteskala nach unten sortiert werden. Typischerweise ließ sich ein Vertrauensschaden darüber hinaus besser begrenzen. Heute lacht das ganze Netz, wenn der von meiner Kamera gefilmte Einbrecher die Schlüpper der Frau über den Kopf zieht und einen Stinkefinger in die Kamera hält.

Statt GPS-Tracker sollten Kinder daher lieber lernen, in dubiosen Situationen ein Foto in die Cloud zu laden, auf dem der Typ mit den Süßigkeiten gut erkennbar ist – vorzugsweise mit Autokennzeichen. Aus sicherem Abstand gemacht und die Füße schon in Fluchtrichtung gedreht. Das Vertrauen in das eigene Misstrauen, wenn ein Kind ein bisschen verunsichert ist, bring mehr als jede Überwachung, weil es letztendlich echte Gefahrenabwehr und damit sicherer ist.