Wann beginnt „alt“?

Erstellt: 30.09.2018  Lesedauer 2 - 3 Min.

In den letzten Tagen wurde mir eine massive Diskrepanz in der Wahrnehmung von „alt“ bewusst. Was definiert das eigentlich?

In der Werbung gibt es die werberelevante Zielgruppe bis zum Lebensalter von 49 Jahren. Das hat irgendwann mal irgendwer bei RTL frei von der Leber weg so definiert. Alle ab 50 sind demnach für die Werbung zu alt. Die Werbewirtschaft nimmt das etwas differenzierter wahr, wenn ich mir die Vorabend-Werbung bei ARD und ZDF ansehe. Da wurde wohl Alter mit Zielgruppe vermischt.

Im Arbeitsmarkt ist alt ein fliesender Bereich. Häufig definiert der Altersdurchschnitt des Unternehmens, welche Obergrenzen gesetzt sind. Womöglich ist es eine psychologische Problematik, wenn Jungunternehmer sich gegen ältere Bewerber entscheiden. So eine Art „Papa/Mama-Komplex“. Die ist man gerade mit reinreden losgeworden, wozu dann einen Ersatzbesserwisser ins Unternehmen holen. Dass „besser wissen“ meistens das Ergebnis gesammelter, schmerzhafter Erfahrung ist, kapieren die Jungentscheider häufig, wenn genau das passiert, wovor die alten Säcke gewarnt haben. Mal mit mehr, mal mit weniger Schmerz.

Natürlich darf jeder selbst auf die Fresse fallen. Bei manchen Dingen ist das sogar zwingend, weil es eine Kernerfahrung darstellt. Speziell im Geschäftsleben ist es häufig überflüssig. Trotzdem wiederholen „Junge“ täglich die Fehler der „Alten“. Denn statt der Einsicht, dass Erfahrung vom Wortstamm her das Zurücklegen einer Strecke beinhaltet, bei der Eindrücke und Erkenntnisse gesammelt werden, zählt nur der eigene, allein durch die kürzere Betrachtungszeit kleinere Horizont. Die symbiotische Kraft wird ignoriert, die in dem Zusammenbringen dieser unterschiedlichen Zeit- und Blickachsen steckt.

Andernorts beginnt „alt“ erst jenseits des Renteneintritts. In manchen Abteilungen eines Krankenhauses ist ein Mitfünfziger ein junger Hüpfer. Wobei auch hier allein die Runden gezählt werden, die auf der Uhr stehen. Dass „Lebensalter“ und „alt“ zwei unabhängige Aspekte sind, geht dabei fast immer unter.

„Alt“ ist, wer nur nach hinten auf das was war schaut. Die wahre Jugend steckt allein im Kopf.

Da ist so mancher 80-jährige deutlich jünger als ein großer Teil der vermeintlich jungen 30-jährigen. Im Gegensatz zu denen ist er jedoch deutlich weiser. Wahrscheinlich ist seine Zukunft zwar kürzer als die der Alters-jüngeren. Die kann dennoch spannender und ereignisreicher sein, als die vorgezeichnete Zukunft vieler „Alters“-Jüngeren. Die vermeintlich Abenteuer von Erlebnis-Agenturen können deren reale Ereignislosigkeit ihres Lebens bestenfalls betäuben.

In Deutschland haben wir nur sehr wenig wirklich Junge. Denn hier wird der bis zur Rente vorgezeichnete Weg bevorzugt. Überraschungen werden aus dem Katalog aussucht. Die Zukunft besteht aus einem detaillierten Plan. Da wird weder links noch rechts geschaut und die Liste abgehakt. Der Lebensplan besteht im jetzt schon wissen, worauf später mal zurück geblickt werden soll. Die selbst aufgesetzten Scheuklappen blenden Vieles aus, was das Leben der Alten so reich gemacht hat. Der deshalb übersehene Bus ist die einzig echte Überraschung. Schade, dass man nicht mehr alt genug wurde, um davon den Enkeln zu erzählen.