Wie riskant ist Risiko?

Erstellt: 28.10.2020  Lesedauer 2 - 3 Min.

Wohin werden uns die „Corona-Maßnahmen“ führen und zu welchem Preis?

Corona ist Scheiße und gefährlich. Daran gibt es kein Rütteln meinerseits. Mich verwundert allerdings, dass in der Politik erst jetzt über Vieles nachgedacht wird, über das schon vor Monaten hätte nachgedacht werden können. Damit meine ich die aktuellen Maßnahmen, die von außen betrachtet einen Flickenteppich und Planlosigkeit vermitteln. Weshalb wird augenscheinlich erst kurz vor Ende Ferien angefangen, darüber nachzudenken, wie das in Schulen funktionieren könnte? Bei der „ersten Welle“ mag die Wucht und Geschwindigkeit entschuldigen. Aber die „zweite Welle“ war absehbar und keineswegs überraschend.

Wie die „zweite Welle“ war klar, dass kein Impfstoff wie Manna vom Himmel fallen und uns alle immunisieren würde. Dazu noch ständig wechselndes Maßnahmen-Wirrwar. Als ob sich ein Virus an Landesgrenzen halten würde oder keine Leute anfällt die pendeln, statt sich länger in einer Region aufzuhalten.

Die Wirtschaft muss irgendwie weiterlaufen, sie ist die Grundlage von allem. Doch erscheint mir eine Ansteckung zu Hause gegenüber den Menschen unwahrscheinlicher, die sich täglich mit anderen Menschen treffen, die sich mit Menschen trafen, in neuen Konstellationen zusammen kommen und dabei fleißig ihre Aerosole durchmischen.

Masken sind aktuell die einzige Option zur Risiko-Minimierung. Doch sie erschweren es dem Virus bestenfalls. Bei einem Spaziergang im Minenfeld ist es keine Frage ob, sondern wann man auf eine drauf tritt. Wir benötigen deshalb ein nachhaltiges Konzept statt plakativem Aktionismus. Es gibt kein „zurück zur Normalität“: Corona ist die Realität, genauso wie Grippeviren, Aids und diverse andere durchaus tödlichen Sachen, die lediglich unter dem Radar fliegen.

Was bringt ein „Lockdown“, wenn Schüler vor lauter Lüfterei bibbernd im Klassenraum aufeinander hocken und sich dann in zu selten fahrenden öffentlichen Verkehrsmitteln drängeln. Oder Chefs auf Büropräsenz bestehen. Führung auf Distanz ist eine organisatorische Herausforderung, an deren Beherrschung sich echte von Möchtegern-Führungskräften erkennen lassen. Hier versagt die Politik, das Schulsystem und weite Teile der „Büro-Wirtschaft“.

Wir sind von Gefahren umgeben, die sich einer Kontrolle durch uns entziehen. Alle aktuellen Maßnahmen entmenschlichen uns. Wir sind soziale Wesen, die sich maßgeblich über Nähe und Gemeinsamkeit definieren. Natürlich will niemand sich den Vorwurf machen müssen, dass die Eltern womöglich wegen einer liebevollen Umarmung gestorben sind.

Doch woran erkranken wir und unsere Lieben ohne das?

Ein längeres Leben als Lohn für Isolation?

Ist das noch „leben“ oder nur noch „vegetieren“?

Was die Schweden machen ist, reduziert auf Corona, riskanter. Doch ist die Abwägung zwischen den Risiken von Abschottung gegen die Risiken eines unbestritten bösartigen Virus womöglich langfristig der bessere Weg. Allerdings ist in Schweden der generelle Ansatz das präventive „Erhalten der Gesundheit“, bei dem diverse Faktoren eine Rolle spielen, statt reaktivem „Behandeln bei Krankheit“ in Deutschland.

Im direkten Vergleich sterben in Schweden zwar mehr Menschen an Corona (Stand 28.10.2020: 585 vs. 122 in Deutschland, Quelle: worldometers.info). Das sind 0,01% Corona-Sterberisiko in Deutschland gegen 0,06% in Schweden. Dafür können die Menschen dort Sterbende und Gestorbene begleiten, Hochzeiten feiern1, … – schlicht weitestgehend noch das tun, was „Mensch sein“ ausmacht. Mit 0,05% höherem Risiko.

Für Betroffene ist der Prozentwert zweifellos irrelevant. Doch aus Sicht der Gemeinschaft erscheint er mir durchaus akzeptabel, weil damit viele andere Probleme vermieden werden, die bei der Reduzierung auf „Corona-Tote“ ignoriert werden. Denn im Vergleich der normalen Todesrate sterben in Schweden durchschnittlich 2,4% (= 24.000 pro Million) Menschen weniger im Jahr als in Deutschland.

Was – zumindest aus meiner Sicht – Einiges relativiert und Anderes in Frage stellt.

Das Bild stammt von Pixabay.

1In Schweden gibt es – aktuell, soweit mir bekannt – lediglich eine Beschränkung auf 50 Personen für private Feiern, Maske ist kein Zwang, es wird primär über Empfehlungen statt mit Verboten gearbeitet.