Elementare Lösungen für elementare Kräfte

Erstellt: 20.07.2021  Lesedauer 2 - 3 Min.

Hightech hat im Hochwasser in vielfacher Hinsicht versagt. Das offenbart die konzeptionelle Schwäche und die Arroganz dahinter.

In einem kleinen Ort hat wohl die Kirchenglocke vielen Menschen das Leben gerettet. Die wurde von einem Geistlichen angeschlagen, als er das Wasser kommen sah.

Niemand hatte sich wegen der angekündigten Wassermengen Gedanken gemacht, es gab keine Warnungen via SMS oder den „Katastrophen-Apps“. Selbst wenn, hätte kaum jemand darauf reagiert.

Warum sollte uns hier etwas passieren?

Unser Leben ist derart wohlig, dass Naturkatastrophen grundsätzlich nur in den Nachrichten, weit weg, »bei den anderen« passieren. Uns kann keiner was, was sind schon Naturgewalten. Ängstliche Gemüter haben auf dem Mobiltelefon eine App »dagegen«, so funktioniert »Sicherheit« in Deutschland 2021.

Es gab mehr als einen einsamen Rufer in der Wüste. Sie warnten davor, sich auf Hightech und unsere „Zivilisation“zu verlassen. Letzteres ist ein wesentlicher Faktor des Problems: Der Glaube, mit Begradigung, Versiegelung, Kanalisation, Monokultur ließe sich die Natur zähmen. Und mit „moderner Technik“.

Der für viel Geld eingeführte Digitalfunk für Polizei und Feuerwehr hat schon in guten Zeiten Schwächen – einfach mal Leute fragen, die mit dieser politisch gewollten Innovation jeden Tag arbeiten müssen. In der Krisensituation brach er zusammen, ebenso wie das Mobil-Netz, dass schon bei weit geringeren Anlässen an seine Grenzen kommt.

Einige Einsatzleiter haben die eingelagerten „analogen“ Funkgeräte aus der Kiste geholt. Damit ließ sich wenigstens das Nötigste organisieren. Es gab jedoch – vermutlich – keine Schnittstelle zu einem vorgelagerten System (mehr).

So wie es nur noch wenige funktionierende Sirenen gibt. Selbst wenn: Wer achtet darauf oder wüsste, welches Signal „Lauf!“ bedeutet? Der „Sirenen-Tag“ im letzten Jahr war ein Flop, dieses Jahr wurde er gleich abgesagt. Jetzt ist von einem »Förderfonds für Sirenen« die Rede, mit der Gemeinden wieder welche errichten sollen. Es sieht fast so aus als ob irgendjemand auf Entscheidungsebene erkannt hat, dass bei elementaren Kräften jemand mit Topfdeckel schlagen mehr Leute warnen kann als „Schönwetter-Technik“.

Doch selbst das ist keine Gewähr, wenn statt angemessener Reaktion die so Aufgeweckten die Polizei wegen Ruhestörung anrufen. Genauer: Das wollen und über den Provider schimpfen, weil das Netz zusammengebrochen ist. Und wegen der vielen sinnlosen Verbindungsversuche ist der Akku platt und deshalb kann kein Video für Instagram vom Wasser gedreht werden, das gerade durch das Schlafzimmerfenster kommt. An manchen Tagen geht wirklich alles schief.

Wem dann einfällt, dass nie einen Schwimmkurs besuchen womöglich unklug war und „raus hier“ wahrscheinlich eine zweckmäßigere Handlung, als mit dem Handy draufhalten, besinnt sich zumindest im Augenblick größter Not der elementaren Dinge des Lebens. Bleibt nur zu hoffen, dass es trotz dieser grundlegenden Fehler noch weitere Augenblicke für die richtigen Folgerungen aus diesen Erkenntnissen gibt.

Im Ernstfall ist das Mobiltelefon das letzte, auf das ich mich verlassen würde. Oder jemand kommt und mir aus dem Schlamassel hilft. Wenn jemand kommt, dann frühestens, wenn die größte Gefahr vorbei ist. Alles andere wäre selbstmörderisch. Bis dahin muss ich selbst klar kommen. Wer das verstanden hat, kann im Ernstfall das Wichtigste retten: Sein und das Leben anderer.

Statt zu hoffen, in die Kirche laufen und die Glocke schlagen, ist im Ernstfall eine sehr kluge und empathische Entscheidung. Vor allem funktioniert es ohne Netz, Batterien oder sonstigem modernen Zeugs. Weil es eine elementare Lösung ist: Metall auf Metall, Hebelgesetze und Muskelkraft.

Auf das Einfachste kommen wird vor lauter Technik immer schwerer.

Das Bild stammt von Pixabay.