Es ist alles offen

Erstellt: 21.09.2021  Lesedauer 2 - 3 Min.

Die RTL-„Tischgespräche“ sind interessant, weil sie ohne die in Polit-Talks mittlerweile üblichen Pöbeleien zwischen allen Beteiligten auskommt.

Unter „Pöbeleien“ verorte ich gleichermaßen Phrasendrescherei, mit der einer konkreten Frage eine wenigstens annähernde Antwort verweigert, oder vom Moderator eine unerwünschte Antwort abgewürgt, oder dem politischen Gegner durch hineinreden unterbrochen wird.

Frau Baerbock hat in diesem Format mit viel „wir müssen“ argumentiert. Was es offen lässt, wer „wir“ ist. Bestenfalls „fordern die Grünen“ etwas, doch was sie oder ihre Partei tatsächlich dafür tun, blieb vage bis völlig unklar. Eins wird deutlich: Die Grünen haben als einziges Konzept, dass Leben teuer sein muss, weil dann der Verzicht leichter fällt. Wobei das voraussetzt, dass noch genug da ist, von dem auf etwas verzichtet werden könnte.

Herr Laschet verweist auf vermeintlich 16 gute Jahre und das so weiter gehen könne. Trotz Umfragewerten die andeuten, dass viele Menschen das offenbar anders bewerten. Bei allen seinen Antworten steht unausgesprochen die Frage im Raum, weshalb die vorgeschlagene Lösung nach 16 Jahren CDU nur ein Vorschlag statt schon umgesetzt ist. Bei den Klimazielen liegt er völlig daneben mit seiner Behauptung, die Pläne seiner Partei seien ausreichend. Wirklich überzeugende Antworten bleibt er schuldig.

Herr Scholz hat morgens im FIU-Untersuchungsausschuss geplaudert, ist also bestens vorgeglüht. Im Gegensatz zu Baerbock und Laschet präsentiert er seine Antworten überwiegend in der „ich“-Form, oder benennt konkret Handelnde. Er grenzt klar ab, was er leisten könnte und wo ihm die Hände durch andere gebunden sind. Er gibt sehr konkrete Antworten, zeigt sich ausgesprochen interessiert, wenn er eine Rentnerin bittet, Rückmeldung zu ihrer von ihm prognostizierten Rentenerhöhung zu geben.

Keiner der drei Kandidaten hat sich um Kopf und Kragen geredet, doch wirklich empfohlen ebenso wenig. Es ist der Kontext, der daraus ein Bild macht.

Frau Baerbock schimpft über die Unterlassungen der Vergangenheit, Herr Laschet warnt vor unspezifischen Gefahren die von den anderen politischen Lagern drohen und Herr Scholz vermittelt den Macher. Womit die Diskrepanz zwischen ihm und seiner Partei unter den Tisch gekehrt wird.

Frau Baerbocks Partei wird sicher der nächsten Regierung angehören. Ursprünglich eher im „roten“ Sektor verortet, liegen die Grünen doch eher mit der CDU im Bett. Wie Baden-Württemberg zeigt, entwickelt sich bei den Grünen in der Fläche ein zunehmender Konservatismus. Dort wurde aus Grün-Rot bei der darauf folgenden Wahl Grün-Schwarz. Wobei Bundespolitik anderen Regeln folgt.

Es schimmert dennoch sichtbar durch, dass „grüne Politik“ zu großen Teilen eine romatische Mittelschicht abbildet, die das Kleingeld für das argentinisches Rindersteak oder die Erdbeeren zu Weihnachten aus dem Bioladen hat. Oder einen Audi e-tron.

Doch wirklich gewiss ist nur, dass alles noch ungewiss ist. Auf Basis der letzten Umfrage-Ergebnisse1 und der maximalen Unwahrscheinlichkeit einer weiteren „GROKO“, könnte sich Grün-Gelb sowohl mit Schwarz als auch Rot verbünden. Herr Lindner kann sich schwer einer Koalition verweigern, wenn er politisch überleben will.

Den Ausschlag gibt womöglich „Die Linke“. Die 5%-Hürde hat massiven Einfluss auf die Sitzverteilung und damit den Mehrheitsverhältnisse im Bundestag.

Ausgehend von der letzten Umfrage könnten SPD und Grüne über ein Rot-Grün-Rot nachdenken. Das wäre eine – wenn auch knappe – Mehrheit. Mit der FDP wäre das Polster deutlicher. Wer der anstrengendere Koalitionspartner, ein anderes Thema.

Bleibt Die Linke an der 5%-Hürde hängen, ist offen, ob Rot-Grün-Gelb eine Einigung erzielen kann. Die FDP wäre mal wieder „Königsmacher“. Sie kann entscheiden, ob sie einem Rot-Grünen oder Schwarz-Grünen Bund das „ja“ geben will. Mit seiner Absage von Schwarz-Grün-Gelb 2017 könnte Herrn Lindner eine Vorkonditionierung unterstellt werden.

Doch Politiker geben bekanntlich wenig auf ihr Geschwätz von gestern. Daher ist die Kanzlerschaft noch völlig offen. Nur eins steht ziemlich verbindlich fest: Es wird ein Kerl.

Die Grafik stammt von Wikipedia