Herr Nawalny

Erstellt: 21.02.2021  Lesedauer 2 - 3 Min.

Die Verurteilung des „Systemkritikers“ Herrn Nawalny lässt in den deutschen Medien die gebotene journalistische Ojektivität vermissen.

Sollte Herr Nawalny tatsächlich von „den Russen“ vergiftet worden sein, wäre das zweifellos eine verurteilenswerte Tat. Doch bewiesen ist bestenfalls Gift in seinem Umfeld, das niemand in der Hausapotheke hat oder aus Kräutern im Garten braut.

Dass ein Gift mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem russischen Labor stammt, ist objektiv noch kein Beweis dafür, dass dessen Betreiber die Verwendung an einer dedizierten Person befohlen hat. Niemand käme auf die Idee, die Bundesrepublik als Unterdrücker zu bezeichnen, wenn sie Waffenlieferungen an Länder erlaubt, die damit ihre Bevölkerung in Schach halten. Das ist natürlich was ganz anderes. Da wird ja dran verdient.

Während Herr Nawalny von diversen Medien als geschundener „Systemkritiker“ stilisiert wird, werden Menschen mit seinen Ansichten in Deutschland als links- oder rechtsradikale Extremisten eingestuft und mehr schlecht als recht vom Verfassungsschutz beobachtet. Hiesige Menschen mit vergleichbarem Gedankengut und populistischem Gebaren haben demnach lediglich das Glück, dass in unserer machtausübenden Politik niemand Gift als Problemlöser ansieht, wie es anderen Nationen unterstellt wird.

Da haben hiesige Leute im Geiste eines Herrn Nawalny weit weniger Probleme. Während dieser lediglich den „Griff zur Waffe“ empfiehlt, ziehen Leute seines Schlages in Kassel, Hanau oder Halle los und machen das, was er in seinem politischen Weltbild als angemessen ansieht. Das finden die gleichen Medien ungeheuerlich. Was es ohne Zweifel ist. Wenn jemand solche Taten fordert, der „wo anders“ damit Politik macht, ist das für die schlagzeilen-relevante Berichterstattung offenbar bedeutungslos.

Es ist zumindest verwunderlich, dass es einem russischen Staat scheinbar mühelos gelingen soll, Auftragsmorde sogar in aller Öffentlichkeit durchführen oder Abtrünnige verstrahlen zu lassen, doch ausgerechnet im eigenen Land „vor der Haustür“, bei einem Populisten, der – nach Aussagen seines Stabes – auf Schritt und Tritt überwacht und kontrolliert wird, stellen sie sich so dämlich an? Das wäre ein überraschender Fehlschlag mit Blick auf präsentierte „Erfolgsstatistiken“ vergleichbarer „Maßnahmen“.

Sehr befremdlich wird es, wenn der Geschädigte anschließend mit dem staatlichen Attentäter telefoniert haben will. Wobei der das Gift in der Unterhose platziert habe – was die Frage aufwirft, wie es von dort an die Trinkflasche kam, an der es nachgewiesen worden sein soll. Zum Thema „verseuchte Unterhose“ war vor und ist nach dem Telefonat nirgends etwas zu lesen. Seltsam.

Alle „Beweise“ werden vom Geschädigten oder seinem Team geliefert. Eine „objektive Beweisführung“ sollte anders aufgebaut sein. Allein deshalb Russland als Schuldigen anzusehen, weil die Zuständigen sich vermeintlich unkooperativ verhalten, muss relativiert werden: Wenn Russland der BRD etwas unterstellt, ist die Reaktion von dort vergleichbar. Das nennt sich „Diplomatie“.

Was die Beachtung von Herr Nawalny „im Westen“ und bei seinen (überwiegend sehr) jungen Anhänger+inne+n verständlich macht: Schlichte Strukturen, „immer auf die 12“, ist alles andere als diplomatisch. Doch genau das kommt bei leicht beeinflussbaren Leuten ebenso gut an wie bei Journalist+inn+en, die jeden hochschreiben, der die eigene „Propaganda“ stützt – selbst wenn grundlegend andere Beweggründe dafür der Auslöser sind. Wen interessieren schon solche Details.

Epilog

Wie „elastisch“ sich deutsche Gerichte bei versäumten Meldeterminen verhalten, ist mir unbekannt. Ob dort allein die Tatsache ausreicht, dass ein Meldepflichtiger über Zeitungsberichte ausländischer Medien in einem ausländischen Krankenhaus verortet werden kann: Ich habe zumindest Zweifel. Es wird nirgends überliefert, ob von Herrn Nawalny oder einem Mitglied seines Stabes zumindest eine Meldung an die zuständigen Behörden in Moskau versucht wurde.

Wer meint, das sei „was völlig Anderes“: Wer in Deutschland gegen Bewährungsauflagen verstößt, muss — zumindest nach dem Gesetz — mit vergleichbaren Maßnahmen rechnen. Spätestens, wenn er/sie sich gegen den Staat stellt, wie es Herr Nawalny tut, ist auch die BRD durchaus „konsequent“ — zumindest nach dem Gesetz. Wie konsequent es „durchgezogen“ wird, ist im Grunde nur eine Frage, wie ernst es den jeweils Herrschenden damit ist.

Das Bild stammt von Pixabay.