Wenn alle Tage gleich sind

Erstellt: 10.01.2021  Lesedauer 2 - 3 Min.

Lockdown bedeutet „Ereignislosigkeit“. Daheim sein, allein sein, für viele womöglich Einsamkeit trotz Zweisamkeit.

Für mich hat sich durch den Lockdown von außen betrachtet im Grunde kaum etwas geändert. Ich habe schon vorher im Homeoffice gearbeitet. Von innen betrachtet, gab es aber eine gewaltige Veränderung: Der zweite Schreibtisch ist seit Frühjahr letzten Jahres an den Wochentagen von meiner Frau besetzt. Für sie hat sich „arbeiten gehen“ dramatisch verändert: „Vorher“ hatte sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Wegzeiten von einer Stunde und mehr – pro Strecke. Jetzt hat sie Wegzeiten von einer Minute und weniger. Das ist frappierend.

Für mich bedeutete das eine signifikante Umstellung. Homeoffice ist für mich seit Jahren eine perfekte Rahmenbedingung für „hohen Wirkungsgrad“. Es fallen die klassischen Störfaktoren weg, die im Büro am Kaffeeautomat, auf dem Flur, im Büro gegenüber,…, auftreten. Aufgrund der hohen Deckungsgleichheit unserer Erlebnisse war das kein relevantes Problem. Eher der – für mich – wiederentdeckte weitere Grund für Homeoffice: Da telefonierte bis dahin nur ich.

Wenn du dich auf eine Entwicklungsaufgabe konzentrieren willst, während schräg hinter dir ein zähes Kundengespräch stattfindet, bei dem der Kunde früh am Morgen erkennbare Anlaufschwierigkeiten mit seiner Software hat — weshalb er anruft — die mit ebenso großen Verständnisschwierigkeiten gekoppelt sind, hat das eine signifikante Störwirkung. Das aktive Ausblenden solcher Störungen ist mir in den letzten Jahren definitiv abhanden gekommen. Mein Verhalten hat sich über die Jahre dahingehend geändert, dass ich jeden bewusst wahrnehmen will, mit dem ich mich im Raum befinde.

Das hat sich als wesentlicher Erfolgsfaktor bei Beratungsgesprächen herausgestellt. Im Homeoffice wird „auf sich selbst“ fokussiert, im Miteinander auf „die anderen“. Wie stark das in meine Verhaltens- und Arbeitsmuster eingeflossen ist, hat mich selbst überrascht. So gesehen waren die letzten Monate eine gute Zeit für feines Nachjustieren dieser Fähigkeiten.

In den letzten Tagen war es draußen jedoch so unwirtlich, dass ein wesentlicher Ausweichfaktor für uns praktisch wegfällt: Unser Garten. Das war in den wärmeren Monaten ein ergiebiger Topf, aus dem sich Unterhaltungen fischen ließen. Was sonst eher beiläufig erwähnt wurde, bekam erhebliche Aufmerksamkeit. Im Ergebnis mutmaßlich kaum anders, nur bewusster dorthin gelangt.

Was machen Menschen, die momentan keine „Mit“-Menschen sind? Wir sollen uns separieren, isolieren, allein sein. Da wird mancher noch mehr gemein sein, die davon Betroffene noch mehr allein sein. Es macht einen gewaltigen Unterschied, mit sich allein zu sein, oder in einer äußerlich wie eine Gemeinschaft wahrgenommenen Situation innerlich völlig alleine zu sein. Wenn dann noch alle Tage gleich sind, wird aus einem Lockdown ein locked in. Wer da keine vernünftigen Hobbies oder der einzig zugelassene Mitmensch einen aufbrausend aggressiven Charakter hat, für den werden die immer gleichen Tage noch länger.

Mich würde brennend interessieren, wie vielen es in dieser Zeit gelingt, „sich selbst“ wiederzufinden und wie viele sich in dieser Zeit endgültig selbst verlieren.

Das Bild stammt von Pixabay.