Wie schwarz und queer ist Deutschland?

Erstellt: 17.10.2021  Lesedauer 2 - 3 Min.

Die aktuelle Fernsehwerbung vermittelt den Eindruck, die Anteil queerer und dunkelhäutiger Menschen wäre sprunghaft angestiegen. Ist mir da etwas entgangen?

Es gibt queere und dunkelhäutige Menschen. Zum Glück. Das ist Teil der Vielfalt, die uns Menschen erst zu Menschen macht. Es gibt aber auch körperlich und geistig Eingeschränkte, Juden, Moslems, Hindus, Bahai, Buddhisten, Voodoo-Anhänger, … – damit nur ein paar aufgezählt sind, die bei uns eine oft unbeachtete, von einigen Mitmenschen geschmähte Minderheit sind.

Würden alle diese für die Vielfalt in Deutschland wichtigen Menschen die gleiche Beachtung und den Respekt in der Werbung erhalten, wie sie gerade den Afrodeutschen und Queeren geschenkt wird, wird die Sendezeit knapp. Was ist mit den Türken, Syrern, Afghanen und vielen weitere Volksgruppen die hier leben und ebenfalls mit Alltagsdiskriminierung konfrontiert sind?

Der wohlmeinende Versuch der Aufmerksamkeit gegenüber Teilen der Gesellschaft ist bemerkenswert ignorant gegenüber anderen Teilen, die es ebenso und auch noch in größerer Zahl gibt. Die schönen Bilder vermitteln den Eindruck, dass ein paar sich küssende Männer oder Frauen, vorzugsweise ein Teil des Paares mit dunkler Haut, alles an menschlicher Vielfalt wäre.

Die „normalen Deutschen“ kommen nur noch als (deutsch synchronisierte) heile weiße Familie in Reinigungs- und Nahrungsmittel-Werbespots vor. Da sind die Männer regelmäßig bemerkenswert doof, die Frauen schlau und die Kinder keck. Woraus sich aus der präsentierten Verteilungslogik folgern ließe, dass Queere und Dunkelhäutige weder Hunger haben noch reinlich sind oder Arbeit und ein zu Hause haben. Die sind nur draußen am feiern.

Die Werbebotschaft ist klar:

Willst du „hipp“ sein, solidarisiere dich mit „Randgruppen“, zu Hause ist alles gut, das bist du unter Deinesgleichen.

Ein weiterer mir vermittelter Eindruck: Dunkelhäutige und queere Menschen sind lediglich für die schönen, „vielfältigen“ Bilder zuständig. Wenn etwas erklärt oder beschrieben wird, macht das natürlich ein weißer Mensch. Der darf zwar mittlerweile – immerhin – außerhalb der Model-Norm sein, doch nur bei Hygiene- oder Gebrauchsartikeln. Werbende weiße Menschen sind dicker geworden. Ausnahmsweise keine Reminiszenz an eine Randgruppe, sondern wortwörtlich zunehmende Realität.

Natürlich. Werbung ist alles, außer Realität. Da sollen Gefühle, Emotionen, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, angesprochen werden, die meine edelsten Eigenschaften in Schwingung versetzen sollen. Meinen Geldbeutel.

Doch transportiert das gleichermaßen den Zeitgeist einer weiteren „Randgruppe“: Die Werbetreibenden. In dieser Gruppe ist der Anteil queerer, oder mit „extra-germanischen“ Wurzeln, wahrscheinlich größer als im allgemeinen Durchschnitt, weil „bunte Menschen buntere Bilder“ schaffen können.

Es ist zweifellos gut, dass sexuelle oder äußere Merkmale der Selbstwahrnehmung kein Tabu mehr in der Werbung sind. Doch mir als weltoffen und vorurteilsfrei bekannte Menschen äußern — sicher unbeabsichtigt, in den Zwischentönen – wachsende Ressentiments aufgrund der Fokussierung auf vergleichsweise kleine Teilgruppen der Gesellschaft. Wenn Mehrheiten das Gefühl vermittelt wird, die eigenen Lebensumstände seien außerhalb einer präsentierten Norm, radikalisieren sich Teile davon. Womit sich eine wohlgemeinte Idee ins Gegenteil verkehrt.

Immerhin finden sich 8,6 % der Wählenden in keiner der „großen“ Parteien wieder, sogar 10,3 % bekennen sich zu einer unverhohlen diskriminierenden politischen Strömung. Die Zersplitterung und Radikalisierung der Gesellschaft hat seit der letzten Bundestagswahl um 1,3% zugenommen.

Wenn 40% der Bevölkerung sich küssende Männer oder Frauen »eckelhaft« finden, könnte das auch daran liegen. Ob die Provokation dieser (erschreckend großen) Gruppe „der Sache“ hilft, bezweifle ich. Darüber hinaus glauben rund 62 %, Deutschland ist durch Ausländer »überfremdet«. „Schwule Neger“ sind für diese horizontal beschränkten Menschen in freier Wildbahn womöglich der falsche Therapie-Ansatz, der stattdessen inakzeptable Übersprungshandlungen auslösen könnte.

»Gleichheit« beginnt mit gegenseitigem Respekt. Dazu gehört neben dem gebotenen Respekt der Mehrheiten vor Teilgruppen gleichermaßen der Respekt der Teilgruppen gegenüber den Mehrheiten.

Das Bild stammt von Pixabay.