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Beschworenes Frieren

Erstellt: 11.09.2022 Lesedauer 2 - 2 Min.

Die Medien überschlagen sich mit Vorhersagen, welche Unbill uns bevor stehen. Subjektiv schürt es Befürchtungen, objektiv ist es grober Unfug. Wir haben keiner Energie- sondern eine „Anstands-Krise“.

🔍 Hose und Pulli brächte mehr als ein schicker Schal….
Insbesondere die digitalen Informationsmedien füllen ihre Seiten zunehmend mit Spekulationen und Schreckensszenarien, statt mit Tatsachen. Die wenigen belastbaren Fakten werden zur Aufpolsterung der Artikel im Text mehrfach wiederholt. Was den Lesenden ein niederschmetterndes Konzentrationsvermögen unterstellt.

So wird eine Energiekrise heraufbeschworen, die objektiv nur im (digitalen) Blätterwald stattfindet. Wenn am 28.08.2022 die Meldung »Gasspeicher schon zu 82 Prozent voll« die Startseiten füllt, fehlt überall der Hinweis, dass dieser Wert an der Oberkante des 10-jährigen Durchnitts liegt. Zwar ist in den vergangenen Jahren problemlos Gas nachgeflossen, doch entgegen der publizistisch erzeugten Meinung, wir hingen alle an Nord Stream 1 – das jetzt erwartungsgemäß1 kein Gas mehr liefert – sieht die Realität etwas anders aus.
Die Speicher sind deshalb so gut gefüllt, weil wir reichlich Gas von anderen Anbietern beziehen. Im selben August wie Herrn Habecks „82%-Meldung“ liegt der Anteil des verbrauchten Gases aus Russland bei 9% am Gesamtverbrauch. Das ist keine Bagatelle, doch unter 10% Energie einsparen liegt durchaus in Reichweite. Das mag eine Komfort-Einschränkung bedeuten, doch deshalb erfriert noch niemand.

Die Krise findet ganz wo anders statt. Es ist die Krise des Anstands. Mit hemmungsloser Spekulation auf Gewinne, geschürt durch die herbei geschriebene Angst, explodieren die Energiepreise. Oder wie sonst lässt sich erklären, dass eine weiterhin weitestgehend stabile Energieversorgung die Preise dafür verzigfacht?

Das wahre Problem ist einer der insbesondere von Finanzminister Lindner beschworenen Vorzüge unseres Wirtschaftssystems: Freie Marktwirtschaft. Sobald wirtschaftliche Interessen darüber entscheiden, wie allgemeine Bedürfnisse befriedigt werden, bestimmt der Faktor „Gier“ den Preis.

Das lässt uns frieren. Zumindest wie bisher im T-Shirt und Unterhose vor der Glotze mit Ambiente-Beleuchtung sitzend, aber zu geizig für die bisherigen 22-25° Raumtemperatur. Berichte, unter 19 Grad würde es kritisch, können das – unreflektiert – zur blanken Panik steigern. Insbesondere bei Leuten, die mit dem ersten Sonnenstrahl im Frühjahr, bei 16, 17° im T-Shirt, stundenlang im Biergarten mehrere Hopfenkaltschalen zum abkühlen konsumieren. Zu Hause suchen sie nach fünf Minuten bei Temperaturen unter 20° nach Erfrierungen an Händen und Füßen. Das ist gelebte Relativitätstheorie im Alltag: Abhängig von Raum und Zeit können 17° unterschiedlich warm sein.

Das habe ich selbst schon erlebt:

Bei einer Kanu-Tour sprangen wir zum Abkühlen in einen schwedischen Fjord, rubbelten uns kurz ab und genossen in Badehose die Sonne. Bis irgendwer das Thermometer am Wochenendhaus entdeckte: »Unglaublich, es sind nur 17°!«

Nur kurze Zeit später wurden die warmen Sachen knapp.

Doch deshalb weiß ich aus Erfahrung:

Ein Pulli und Wollsocken können wahre Wunder vollbringen.

Das Bild stammt von Pixabay.

1Zumindest hätte es mich erheblich mehr überrascht, wenn Herr Putin den Hahn wieder aufgedreht hätte.