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Deutsches Internet in Friedenszeiten

Erstellt: 06.04.2022 Lesedauer 2 - 3 Min.

Seit rund zwei Stunde bin ich „Offline“, sitze vor meinem Arbeitsplatz und habe Zeit für diesen Artikel. „Zeit für Ungeplantes“, die mir in den letzten Monaten regelmäßig aufgezwungen wird.

🔍 Das Symbol, das bei immer mehr Menschen Angstschweiß erzeugt: Kein Internet!
Spontan bekomme ich größten Respekt vor dem Internet in der Ukraine, mit dem Herr Selenskyj termingenau stabile Video-Übertragungen hinbekommt. Aus dem schon vor dem Krieg ärmsten Land Europas, aus der unter Beschuss liegenden Stadt Kiew. Während ich im „High-Tech-Land Deutschland“ wie sooft in den vergangenen Monaten am Versand einer E-Mail scheitere. Das deutsche Internet macht vorgezogene und ausgedehnte Mittagspause.

Mein Bürotelefon ist natürlich ebenso „tot“. Beides kommt durch die selbe Leitung, auf den gleichen Protokollen basierend.

Wiederholt wird per Mobiltelefon ermittelt, ob es gerade eine Störung im Internet gibt. Doch das ist zwanghaft-sinnloser Aktivismus: Die Antwort ist bereits bekannt.

Der kontemplative Wert der blinkenden LED meiner Fritzbox, die stoisch einen Verbindungsversuch nach dem anderen versucht, hält sich in Grenzen.

Gerade relativiert sich alles, was vor wenig mehr als zwei Stunden noch dringend war: Terminbestätigungen, Terminvereinbarungen, Geschäftsmails, Anrufe, … : alles ruht.

Irgendwo in der Republik hat ein Autofahrer einen Verteilerkasten umgefahren, oder ein Techniker den falschen Hub aus dem Schrank gezogen, oder ein Baggerfahrer statt einem vermeintlichen Schatz ein nirgends verzeichnetes Verbindungskabel aus dem Boden gehoben.

Statt einem Sturm, ausgelöst durch den Flügelschlag eines Schmetterlings1, bringt eine andere, vermeintliche Banalität unsere zentralisierten Infrastrukturen und damit ungezählte Menschen zum stehen.

Das Mobilnetz ist mutmaßlich bereits an seinen Grenzen, in Teilen eventuell auch schon einen Schritt weiter. Es ist der natürliche Ausweichreflex des homo digitalis: Ohne Internet werden wir zu einem arbeitsunfähigen, hilflosen Stück Fleisch.

Mir gehen meine Alternativen durch den Kopf:

Der Rasen ist bereits vertikutiert, die Frühjahrsdüngung bereits ausgebracht, die Wasserfässer bereits aufgestellt, der Garten „auf Stand“. Es gibt keine Ausweichmöglichkeiten.

Aufgrund des damit verbundenen größeren Aufwands sehe ich von anderen Aktivitäten ab. Um 14 Uhr steht ein DEKRA-Termin in Oranienburg an. Mit der Option auf sinnloses hin- und herfahren. Ohne Internet können die weder meine Daten abrufen noch aktualisieren. Der Termin könnte ergebnislos sein.

Es könnte bereits am Bezahlen scheitern. Die Kreditkarte ohne Internet belasten? Weshalb die Idee, vorher noch schnell am Automaten vorbei fahren, ebenso sinnlos ist.

Wann genau durch ungezählte Haushalte „Internet wieder da!“ schalte, ist unklar. Der Ausfall hat – lt. FritzBox – etwas über drei Stunden gedauert. Bei der DEKRA hatten sie keine Probleme, woran deren Anbindung bei einem anderen Anbieter maßgeblich beigetragen haben könnte.

Die neue Kreditkarte scheiterte trotzdem am Kartenlesegerät. „Alles neu“ bedeutet keineswegs „alles besser“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Bild stammt von Pixabay.

1s. Wikipedia „Schmetterlingseffekt