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Kulturelle Aneignung?

Erstellt: 24.08.2022 Lesedauer ~2:20 Min.

Der Ravensburger Verlag hat sich von ein paar Internet-Aktivisten einschüchtern lassen. Wegen etwas, ohne das die Menschheit noch auf Bäumen säße.

🔍 Andere Kulturen sind toll. Ist Teilhabe wirklich schlecht, selbst wenn sie naiv zum Ausdruck gebracht wird?
Ereiferung über »Kulturelle Aneignung« ist für mich so ziemlich das Dümmste, was der moderne Mensch in seiner Borniert- und Gelangweiltheit in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Da regen sich Leute darüber auf, dass in einem Film ein „normaler“ Mensch eine Person spielt, die nach deren Meinung nur von einer ganz speziellen Person gespielt werden könnte. Weil es sich um eine „Minderheitskultur“ handelt, deren „Kulturelemente“ von einer „dominanten Kultur“ ohne Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung übernommen und in einen anderen Kontext gestellt wird.

Ich spreche von der Minderheit der Mörder in Krimis.

„Echte“ sind beispielsweise für eine Tatort-Produktion richtig schwer zu bekommen. Entweder, weil die das lieber für sich behalten, oder die Justiz schneller ist oder sie nach Strafverbüßung schlicht zu alt für die Rolle des jugendlichen Gewalttäters geworden sind.

Wer maßregelt bitte die ungezählten Säuglinge, die sich ihrer Muttersprache ermächtigen, indem sie sich die schamlos und ohne Erröten „kulturell aneignen“?

Das Aneignen von Besonderheiten, Eigenschaften und Fähigkeiten Anderer ist das Kernprinzip menschlicher Entwicklung. Dabei gab es zweifellos unschöne Begleiterscheinungen in der Vergangenheit ebenso, wie in der Gegenwart. Doch deshalb Musikern Auftritte verwehren, weil sie eine Frisur haben, die einer „anderen Kultur“ zugeordnet wird, aber anderen Musikern den Auftritt mit Instrumenten aus anderen Kulturen erlauben – die Gitarre z.B. kommt aus dem Orient – wie scheinheilig ist dass denn bitte?

Die Diskussion über Benachteiligungen von Minderheiten ist wichtig und richtig. Doch daraus eine Ablehnung kultureller Eigenschaften dieser Minderheit ableiten und ihr damit das Recht auf Beeinflussung anderer Kulturen absprechen, entspricht Gedankenspielen, dass eine weiße Frau keinen schwarzen Mann lieben darf (und umgekehrt). Weil sie ja „offensichtlich“ aus unterschielichen Kulturen kommen.

An die Protestierer habe ich eine konkrete Frage: Wo ist euer indigener Stammbaum der jeden Einzelnen von euch zu solch einem Powwow berechtigt? Falls euch der fehlt, wäre die Erregung nach euren Maßstäben eine ungehörige »kulturelle Aneignung«. Und das wäre ganz schön peinlich.

Das neugierige Interesse an anderen Kulturen und die Annahme von Eigenschaften daraus ist die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Das mag in „dominante Kulturen“ in einer naiven Form erfolgen, doch gerade der gern verteufelte Karl May hat aus den „roten Wilden“ eine Kultur gemacht, um deren fiktiven Führer Winnetou Generationen von Lesern Tränen verdrückt haben. Unabhängig davon, wie verzerrt das von May gezeichnete Bild sein mag: Es hat Empathie geschaffen und eine klare, den Menschen „anderer“ Kulturen positiv zugewandte Haltung transportiert. Ebenso hat er damit die Auswirkung klar gemacht, wenn Hass und Engstirnigkeit das aufeinander zugehen verhindert.

Die Simplifizierung komplexer Zusammenhänge macht sie der breiten Masse zugänglich. Wenn das schlecht sein soll, versagt mir die Vorstellung, was dagegen gut sein könnte. Wobei mir das Dilemma durchaus bewusst ist:
Die Simplifizierung komplexer Zusammenhänge macht sie auch für Idioten handlich, die mit vermeintlich ehrenwerten Motiven potenziell fragwürdige Ziele verfolgen.

Das Bild stammt von Pixabay.