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Zumutung Videokonferenz

Erstellt: 04.10.2022 Lesedauer 2 - 3 Min.

Nach reichlich Corona würde ich erwarten, dass eine gewisse Professionalisierung bei der Teilnahme an Videokonferenzen erfolgt wäre. Ich bin offenkundig zu wenig „schmerzfrei“.

🔍 Ein stark idealisiertes Bild.
Die meisten von uns haben im Flur eine Spiegel hängen, mit dem vor dem Verlassen des Hauses ein kurzer „Selbsttest“ die eigene Außendarstellung kontrolliert. Bei Videokonferenzen scheint es einer erschreckenden Anzahl Menschen unklar zu sein, was eine Videokamera macht: Sie funktioniert wie ein Spiegel. Das Bild sehen allerdings alle andern.

Wer sich während einer Konferenz unbeobachtet fühlt, hat das Konzept missverstanden: Nasepopeln, aufstehen weggehen, „fläzen“, erkennbar etwas anderes machen als an der Konferenz teilnehmen – die Liste ist lang, was ich schon alles nicht sehen wollte, doch jetzt meine Wahrnehmung einer Person bestimmt. Für die Übrigen überstreicht das die Spannweite von eklig über irritierend belustigend bis maximal peinlich.

Wenn die Kamera lediglich die Nasenhaare und die Müllhalde oben auf der Schrankwand einfängt, die Weitwinkel-Funktion den Teilnehmer als marginalen Inhalt eines vermeintlich weitläufigen, wahlweise maximal drögen oder überfüllten Raumes zeigt und die Stimme nach drei Tage gesoffen oder Kopf in der Klo-Schüssel klingt, lässt sich die Eigenpräsentation – eigentlich - mit der Kontroll-Funktionen aller Konferenz-Systeme leicht optimieren.

Bevor Beides in die Welt hinaus geht.

Wo ebenfalls auffallen könnte, dass eine schwarze Silhouette vor dem sonnendurchfluteten Fenster keine attraktive Selbstdarstellung ist. Wer sich als unattraktiv in Videos einstuft, kann die Kamera schlicht aus lassen – dann geht sogar Nase popeln und Füße auf den Tisch legen.

Doch sollte dabei – der Kardinalfehler – das Mikrofon stumm geschaltet sein. Zumindest die Moderatoren können verorten, wer schmatzt, das Mikrofon befummelt oder sonstige Geräusche macht, die andere im besten Fall zumindest belustigt, doch in den meisten Fällen mehr oder minder massiv stört oder sogar belästigt. Bemerkungen, die vermeintlich im Raum bleiben, hat womöglich sogar jemand aufgezeichnet.

Denn alles kann – ungeachtet der damit in den meisten Fällen verletzten Persönlichkeitsrechte – mitgeschnitten werden. Das sind die „lustigen Videos“, die bei YouTube & Co. teilweise viral gehen. Bei manchen mag das für Beteiligte vorteilhaft sein. Doch das ist eher die Ausnahme.

Weil ich vermeiden will, dass Leute vermeintlich unmotiviert grinsen, wenn sie im Flur oder auf der Straße an mir vorbei laufen, nutze ich die mir angebotenen Mittel der Konferenz-Systeme: Bild-Check, Ton-Check, Mikrofon aus. Das Video mache ich während einer Konferenz manchmal zusätzlich aus: Niemand soll mir auf den Hintern schauen müssen, wenn ich zum Kaffee-Holen aufstehe. Wobei ich vor einer Kamera grundsätzlich eine Hose anhabe.

Das Bild stammt von Pixabay.