Geldvernichtung

Erstellt: 07.06.2014  Lesedauer 2 - 3 Min.

Sparen lohnt nicht. Das ist das Signal, dass uns von der EU gesendet wird. Wir sollen alle spekulieren. Denn dann geht es bei der Börse ab. Jedoch haben dort Ottillie Normalverbraucherin und Mann Otto sowas von verloren. Das, was ein Normalbürger — wenn überhaupt — in Lebensjahrzehnten anspart, ist an der Börse allenfalls Taschengeld für die ersten 10 Minuten. Zunehmend ist Aktienkauf eine andere Form des Roulette-Spiels. Die Werte, die vor 10 Jahren eine sicher Bank waren, krepeln häufig am Rand herum. Burner sind derart junge Firmen, dass die Sprech- und Namensschreibweise gelegentlich noch unsicher ist. Was das für Rückschlüsse auf die Sicherheit meiner Einlagen betrifft, lässt sich nur vermuten.

Wobei das Spekulieren an der Börse für rund ein Drittel in Deutschland sowieso nicht drin ist. Denn da wäre bereits eine neue Waschmaschine eine ruinöse Anschaffung. Andererseits ist es offenbar mittlerweile auch bei uns normal, dass sich Geld super ausgibt, wenn man es erst gar nicht hat. Leben auf Pump als Normalität. Wobei pump es nur bedingt beschreibt, denn das gilt eigentlich nur, wenn man sich etwas leiht, es aber wieder zurück gibt. Zwar ist die Zahl der Insolvenzen etwas rückläufig, aber 37,8 Milliarden nicht zurückgegebene Euros finde ich trotzdem ziemlich stattlich. Die muss ja irgendwer wegstecken können, wenn das selbe Schicksal abgewendet werden soll. Immerhin ist das mehr als das Bruttoinlandsprodukt von über 100 Staaten, also etwas über der Hälfte aller Länder dieser Erde.

Wenn ich dann an riesigen Plakaten der Supermarkt-Kette Real vorbeilaufe, die in Überlebensgröße kleine Stofffetzen als Bikini für 3,50€ je Teil anbieten, frage ich mich allerdings, worüber ich mich gerade aufrege. Denn warum soll es uns besser gehen als denen, die von diesen dreieurofuffzig die Baumwolle pflanzen, pflegen, ernten und verarbeiten. Oder denen, die aus dem Stoff die Muster schneiden, die Nähte passgenau nähen, die Schildchen dranmachen, die Teile einpacken und verschweißen. Oder denen, die die Container einladen, über die Meere bringen, damit wir für 3,50 € je Teil einen preiswerten Bikini kaufen können. Bei Margen der Handelsketten, die schlicht unverschämt sind, können die Arbeiter von ihrer Arbeit nicht leben. Der Begriff Aktie ist für diese Menschen so weit weg wie die nächste Galaxie, keine Rücklagen dürften 100 von 100 haben, wobei das vermutlich nicht stört, denn ohne Strom in der Wellblechhütte würde die neue Waschmaschine eh nicht laufen. Keine Zinsen auf kein Geld schmerzen nicht, eher die Zinsen für das geliehene Geld, damit man über die Runde kommt, weil der Lohn nicht reicht. Bei uns kann ich das mit einer Verbraucherinsolvenz lösen. Da es das in den ärmeren Ländern nicht gibt, drängt meine Vorstellungskraft mir Lösungsmöglichkeiten in den Kopf, die ich mir nicht weiter ausmalen will. Jedenfalls zeigt sich hier die Relativität von Existenzangst. Selbst wenn man bei uns nix hat, hat man noch viel mehr als viele andere. Fühlt sich für Betroffene allerdings mutmaßlich nicht so an, wenn man in einer Überflussgesellschaft lebt.

Dazu gibt es beim Handelblatt einen lesenswerten Kommentar.