Rabatt auf Unbestelltes

Erstellt: 26.02.2014  Lesedauer 2 - 3 Min.

Amazon erhöht den Preis für Prime. Alles wird teuerer, war meine erste Idee dazu. Dreist ist allerdings Amazons Begründung dafür und sie verärgert mich.

Denn

Ab dem 26. Februar umfasst Ihre Amazon Prime-Mitgliedschaft 
auch Amazons neuen Video Streaming Service Prime Instant Video.
...
Im Vergleich zu zwei separaten Mitgliedschaften bei Prime und 
dem Streaming Service Lovefilm bedeutet dies eine jährliche 
Ersparnis von 63 EUR. 

Läuft Instant Video so schlecht, dass es mit rund 75% rabattiert werden und anderer Kundschaft aufgenötigt werden muss? *Ich will und brauche kein Instant Video***. Ich bekomme Rabatt auf etwas, das ich vorher nicht hatte, auch jetzt nicht haben will, aber dafür nun zukünftig 20 EUR bezahle, die ich vorher nicht ausgegeben habe. Die von mir bestellte und gewünschte Leistung wird demnach um fast 70% teuerer, weil ich nicht mehr selektiv entscheiden kann, ob ich einen weiteren Dienst in Anspruch nehmen möchte oder nicht.

Aufgrund seiner nahezu monopolisitschen Stellung im Internet-Versandhandel wird Amazon sehr wahrscheinlich mit der Nummer durchkommen. Was mich betrifft, kann es allerdings durchaus sein, dass sie nicht nur einen Prime-Kunden verlieren. Darüber hinaus werde ich mir aktiv Gedanken darüber machen, ob ich mich weiter daran beteiligte, dass Amazon es zwar bequem für mich, aber zunehmend unbequem für andere Anbieter macht. Am Günstigsten ist es bei Amazon sehr häufig sowieso nur deshalb, weil man als Prime-Kunde die Versandkosten spart. Kämen die zum Amazon-Preis dazu, würden andere Händler regelmäßig den Amazon-Preis schlagen, wenn auch nur um wenige Cent. Der Markt ist eng. Wenn Prime jedoch zukünftig 50 EUR kostet, muss ich doch mal meine Bestellungen durchzählen, ob sich das noch lohnt. Ich sollte verstärkt meine lokalen Anbieter unterstützen, selbst wenn es ein paar Euro mehr kostet. Denn ich kann es dort begutachten und — wenn ich es haben will — gleich mitnehmen. Andernfalls werden sonst womöglich zwischen den zunehmend leeren, zum Vermieten feilgebotenen Geschäftsräumen deutscher Innenstädte und Fußgängerzonen bald keine Passanten, sondern nur noch Billiglohn-Paket-Boten wuseln. Denn was ich an Versandkosten einspare, gibt Amazon höchstwahrscheinlich großzügig an deren Lohntüte weiter.

Wenn ich bei anderen Versandhändlern bestelle, hilft das zwar nicht unbedingt signifikant den Paket-Lieferanten, aber Bringen und Holen sind eine Dienstleistung, die mir etwas wert sein sollte, denn genau das macht doch im Grunde den Komfort der Internet-Bestellung aus: Von zu Hause aus nach zu Hause, weil viele helfende Hände meine Bequemlichkeit realisieren. Bildlich gesprochen, mir das Kissen auf der Couch zurechtrücken. Ich will für meine Arbeit angemessen entlohnt werden, das sollte ich meinen Mitmenschen ebenfalls gönnen. Nebenbei sorge ich so dafür, dass mit Amazon keine Alleinherrscher heranwächst, der die Regeln (und Preise) beliebig diktieren kann. Oder uns weismachen, dass es toll sei, wenn wir zukünftig für etwas Unbestelltes zahlen.

Sehr wahrscheinlich hätte ich zwar erst einmal gezuckt, wenn mir Amazon nur mitgeteilt hätte, dass Prime nächstes Jahr fast doppelt so teurer wird. Eine Erklärung, dass der Service für den aktuellen Preis nicht realisiert werden kann, hätte für mich aufrichtig geklungen, wäre nachvollziehbar und über den Verstand akzeptabel. Dass man mir aber weismachen will, ich würde 63 EUR sparen, weil ich jetzt etwas für 20 EUR bekomme, wofür ich selbst dass nicht ausgeben würde — das ist dumm-dreist.

Womöglich steht natürlich etwas völlig anderes zwischen den Zeilen der Amazon-Mail an mich: Instant Video war ein brutaler Flop und Amazon hat Sorge, dass Prime demnächst ebenfalls kostenmäßig platzt. Da kratzt sich die Marketing-Abteilung mal im Schritt und denkt sich: Den Rohrkrepierer verkaufen wir einfach als Service und lösen dabei gleich noch die Kostenfalle Prime! Ob es so ist, weiß ich natürlich nicht, würde mich allerdings nicht wundern. Was ich leider als verhältnismäßig sicher annehmen muss: Eine wahrscheinlich erschreckend große Kundenmasse wird tatsächlich glauben, ihr widerführe gerade eine Wohltat.