Sich selbst genug

Erstellt: 14.03.2018  Lesedauer 2 - 3 Min.

Am Wochenende waren die Chemnitzer Linux-Tage. Die Neugier trieb mich hin, die Ernüchterung wieder zurück.

Die Chemnitzer Linux-Tage sollen einer der Events der Linux-Community in Deutschland sein. Der Antritt auf der Webseite lässt einiges erwarten. Wobei das mal wieder ein klarer Beweis dafür ist, dass eine Webseite kaum bis keine Rückschlüsse darauf zulässt, was sich wirklich dahinter verbirgt. Jedenfalls war es für den überregionalen Linux-Event ziemlich ruhig vor dem Eingang - von einer Studenten-Demo davor gegen/für was auch immer mal abgesehen. Die Demonstranten und dafür abgestellte Polizei-Einheiten waren den Besucherströmen im Eingangsbereich der Messe zahlenmäßig jedenfalls deutlich überlegen. Trotz guter Überschaubarkeit dieser beiden Gruppen.

Drinnen wurden den Besuchern Freundschaftsbändchen für 10 € an den Arm geklammert. Offenbar musste der für mich Zuständige das noch etwas üben, es fehlte die Routine. Was sich mit den gut zugänglichen Messefluren selbst erklärte. Prompt liefen mir bekannte Gesichter über den Weg und natürlich war am Samstag (ich war Sonntags da) mehr los gewesen.

Ein Großteil der Messestände vermittelte kurz vor Mittag den Eindruck, dass nur eine Messeauflage die Aussteller am Abbau hinderte. Außer Standpersonal war da auffallend selten jemand, der sich für das Angebot interessierte. Selbst großzügig ausgebreitete Lockmittel, wie Schlüsselanhänger, Kapselheber, NoName-M&M-Ersatz, Popcorn und weitere Genussmittel konnten die Anziehungskraft der Stände bestenfalls für Vorbeischlendernde erhöhen. Die Betroffenen haben zwar mein Mitgefühl, doch ich konnte dem Antagonismus etwas Erheiterndes abgewinnen, wenn ausschließlich Mitarbeiter eines Ausstellers erkennbar gelangweilt vor ihrem Plakat „Schluss mit Rumhängen!“ stehen.

Bis auf einen wirklich engagierten und für das angestrebte Ziel angemessen aufgestellter Mitarbeiter von BMW, der Kollegen für die Entwicklung suchte, strahlten viele Aussteller z.B. mit vor sich aufgeklappten Laptops und intensiver Auseinandersetzung mit der LCD-Anzeige deutlich aus, dass sie eigentlich keine Lust auf Kommunikation mit denen hatten, die von woher auch immer gekommen waren. Bei einem Großteil der Stände lagen mehr oder weniger motiviert Stellenangebote aus. Für meinen Geschmack sendeten die dazugehörigen Mitarbeiter mit Körperhaltung und/oder Tätigkeit die falschen Signale. Weshalb die meisten ebenso viele Zettel wieder eingepackt haben dürften, wie sie ausgelegt hatten.

Das ist bedauerlich, denn im Open Source-Bereich gibt es attraktive und entwicklungsfähige Lösungen. Bei den bekannteren stecken erkennbar Leute dahinter, die sich mit der Frage „Für wen machen wir das eigentlich?“ auseinander gesetzt haben. Diese Produkte finden statt - allerdings fehlten sie in Chemnitz. Ich kann nur spekulieren warum das so ist. Eventuell haben erfolgreichere Open Source-Anbieter erkannt, dass sie von solchen Veranstaltungen keinen Auftrieb erwarten können. Weder bei der Mitarbeitergewinnung noch bei der Kundenakquise. Wer schwimmen will, befreit sich von Ballast.

Bei Linux-Vorträgen tauchen regelmäßig Bilder von Schienen und Weichen auf, die als Sinnbild für den anderen, besseren Weg herhalten sollen. Wahlweise als Alternative zu proprietärer, schlechter Software, oder als bessere Alternative zu vorhandener Open Source (neudeutsch „Fork“). Jedem Tierchen sein Pläsierchen sozusagen, was jedoch mit Blick auf Marktdurchdringung, Wirtschaftlichkeit sowie Vertrauensbildung beim professionellen Nutzer bezüglich Verlässlichkeit des Partners eher kontraproduktiv ist. Jeder weitsichtige Entscheider weiß: ein Stein lässt sich erheblich besser werfen als eine Hand voll Sand.

Hinter der Veranstaltungshalle der TU Chemnitz lagen bemerkenswerterweise Schienen, die sich ebenfalls sinnbildlich interpretieren lassen. Für mich spiegelte die Veranstaltung das Kernproblem weiter Teile der Open Source-Szene: Wir wollen verstanden werden, doch natürlich müssen die anderen auf uns zugehen. Service für Kunden bieten schon genug Firmen an, du kannst bestenfalls Kunde für uns sein. Denn im Grunde sind wir viel zu geil für diese Welt.